Antrag auf Überleben.

Schweiß gebadet schrecke ich auf. Kerzengerade sitze ich im Bett und versuche mich zu beruhigen, indem ich mir sage, dass es alles nur ein Traum war. Mein Mann streichelt mir im Halbschlaf über den Oberschenkel, dreht sich dann wieder um und schläft tief ein. Es ist mitten in der Nacht, mein Wecker zeigt 04:10 Uhr, aber ich weiß, dass ich nach diesem Traum nicht mehr schlafen können werde. Wie jedes Mal.

 

Ich stehe auf und laufe zur Küche, um mir einen Tee zu machen, sehr vorsichtig und leise, denn im Zimmer nebenan schlafen die Kinder. Müde und frustriert sitze ich auf dem wackeligen Küchenstuhl und starre aus dem Fenster in die Dunkelheit. Schreckliche Bilder aus dem Traum verfolgen mich vor meinem inneren Auge und lassen sich einfach nicht wegschieben. Ich sehe mein Elternhaus brennen. Mit einem lauten Krach, stürzt das alte undichte Dach über meinem ehemaligen Kinderzimmer ein und lässt unser Mehrgenerationenhaus zerfallen, als wäre man auf ein Kartenhaus gestiegen.

Meine Familie und Ich stehen dicht aneinander davor und beobachten die Szene. Hohe Flammen ersticken unser Hab und Gut, alle Erinnerungen wirbeln in Form von Asche durch die stickige, rauchige Luft. Keiner von uns weint, denn es war nur eine Frage der Zeit. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann zuletzt jemand von uns geweint hätte. Nicht einmal als mein Bruder auf offener Straße erschossen wurde, haben wir eine Träne verdrückt.

 

Wir sind kalt, denn der Krieg ist noch kälter.

 

Seit viel zu langer Zeit herrscht in Sri Lanka Bürgerkrieg, zwischen dem singhalesischen und tamilischen Volk. Im Endeffekt kämpft eine Macht gegen die andere, das Volk sieht zu. Offiziell ist der Krieg seit 2009 beendet. Ja, auf dem Papier vielleicht. Der Gedanke daran lässt mich sarkastisch auf schnauben. Es existiert weiterhin eine Kultur der Straflosigkeit. Keiner wird zur Verantwortung herangezogen, keine Verhaftungen, niemand legt Rechenschaft ab. Nichts außer fortbestehender Feindschaft, Missstände und Terror. Mit stummem Kopfschütteln versuche ich diese Erinnerung loszulassen. Ich denke nicht oft daran, nur jedes Mal, wenn ich den Alptraum habe. Meinen Alptraum wieder erlebe.

 

Allgemein klammere ich nicht an der Vergangenheit. Das Leben geht vorwärts, doch einiges lässt einen einfach nicht los. Für mich gibt es wenige nostalgische Momente, denn das meiste war ein einziger Kampf. Heute weiß ich, dass es mich stärker gemacht hat. Wie heißt das deutsche Sprichwort? Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker. Hätte ich meine Kinder und meine Familie nicht, wäre ich vielleicht nicht körperlich, aber emotional gestorben. Ich habe für sie gekämpft und ich habe gewonnen. Manchmal frage ich mich wie ich es überhaupt geschafft habe. Woher nahm ich die Kraft dazu? Rückblickend weiß ich es wirklich nicht.

Vor acht Jahren kam ich in Deutschland an. Meine Tante, die bereits geflohen war, hat mich dazu ermutigt mein Leben und meine Familie in der Heimat hinter mir zu lassen und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu fliehen. Genauer gesagt, um überhaupt eine Zukunft zu haben. Bis heute denke ich daran und fühle mich schuldig, doch es hätte niemandem genützt, wenn auch ich sterbe.

Nach einigen Zwischenstopps und langen Wartezeiten an den Grenzen, wurde ich hier in einem Asylheim untergebracht. Eine schreckliche Zeit. So viele Familien und Menschen auf engstem Raum. Die Zimmer waren karg, alt und bis auf das Nötigste leer. Die Wände in den Schlafräumen waren kalt und feucht, an manchen Stellen auch schimmelig. Mein Mann und ich mussten in getrennten Zimmern schlafen. Auch Familien wurden nach Geschlechtern getrennt, wir haben mit Fremden in Gemeinschaftszimmern gewohnt und durften die Männerräume nicht betreten, genauso umgekehrt. Insbesondere am Anfang, empfand ich die Nächte als einsam und frustrierend.

Im ersten Heim, in dem wir untergebracht waren, gab es nur ein Badezimmer, Küche und Waschmaschine für über 15 Personen. Nach ein paar Wochen wurden wir in ein anderes Flüchtlingsheim verlegt. Die Zustände dort waren noch schlimmer. Nur gut, dass wir auch dort nicht allzu lange waren, immer wieder mussten wir umziehen. Bis auf den Hausmeister, hat dort niemand deutsch gesprochen. Einige die länger hier waren, konnten gebrochen sprechen. Ich war beeindruckt.

 

Immerhin hatte ich viel Unterstützung seitens meiner Tante. Sie begleitete mich zu Arztterminen und zum Amt. Ich bin ihr zutiefst dankbar dafür. Ohne Dolmetscher konnte ich mich kaum bewegen, ich war vollkommen abhängig von anderen Menschen und es gab wenige die Verständnis für meine Sprachschwierigkeiten gezeigt haben. Ein wenig Englisch und das was ich mir beim Fernsehen gucken beigebracht habe, hat mir weitergeholfen.

Am unangenehmsten waren Termine bei der Ausländerbehörde. In meiner Vorstellung habe ich mir eingebildet, dass sie mir helfen würden und Interesse zeigen für meine Situation. Sie heißen ja auch Ausländerbehörde. Leider war das eine völlige Enttäuschung.

Ich erinnere mich noch, als ich zusammen mit meinem Onkel als Dolmetscher in diesem Büro saß. Eine Frau mit kurzen roten Haaren, saß mir gegenüber und stellte tausend Fragen. Ich werde sie niemals vergessen. Sie hat mich wahnsinnig verunsichert und hatte wenig Geduld, oder Zeit, ich weiß es nicht. Sie wirkte auf mich als würde ich sie belästigen, sie war unfreundlich und ich glaube sie hielt mich für dumm. Zum Ende des Gesprächs drückte sie mir einen riesigen Stapel Papiere in die Hand und meinte ich soll sie ausgefüllt zurückbringen. Die halbe Nacht saßen wir mit meiner Tante vor dem Antrag auf Duldung und haben versucht die Fragen zu verstehen und herauszufinden welche Informationen sie brauchen. Jedes Mal, wenn ich dort einen Termin hatte, stand ich noch eine Minute vor der Tür, habe die Augen geschlossen und kurz durchgeatmet, bevor ich das Büro betreten habe. Meine größte Angst war, dass sie mich dort verhaften oder mich und meine Familie abschieben. Meine Kinder erinnern sich nicht mehr an Sri Lanka, sie kennen nur Deutschland.

 

Die Duldung gilt immer nur für 2-3 Monate, danach muss sie verlängert werden. Dazu muss man den Antrag erneut ausfüllen, abgeben und hoffen, dass man eine Verlängerung bekommt. Mein Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung wurde zwei lange Jahre immer wieder abgelehnt. Ohne diese Erlaubnis, dürfen wir uns keine eigene Wohnung suchen und sind somit gezwungen weiterhin im Flüchtlingsheim zu leben. Wir dürfen nicht arbeiten und die Kinder dürfen nicht die Schule besuchen. Manchmal habe ich es aus Angst und Frustration nicht geschafft die Briefe zu öffnen. Wir saßen als Paar gemeinsam am Tisch, haben uns die Hände gegeben und kurz gebetet bevor wir sie geöffnet haben. Die Verzweiflung war groß, denn es gab immer noch keine Gelegenheit richtig Deutsch zu lernen und wir hatten nicht genug Geld um Kleidung, Winterschuhe und ausreichend zu essen zu kaufen. Schwarzarbeit kam für uns nicht in Frage, dafür hatten wir viel zu große Angst erwischt zu werden. Man hätte uns direkt ausgewiesen.

Im Asylheim entwickelte sich die Stimmung zunehmend angespannter. Zu viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern, zusammengepfercht auf engstem Raum und jeder einzelne von ihnen kommt aus katastrophalen Bedingungen hier her. Zudem noch die schwierige Situation mit den Asylanträgen, deine ganze Existenz in der Schwebe, auf unbestimmte Zeit. Immerhin war der Zusammenhalt unter den Familien so groß, dass alle dafür gesorgt haben, dass es genug zu essen gab. In erster Linie haben wir für die Kinder gekocht, danach kamen wir Erwachsene.

 

Doch dann kam der Lichtblick am Ende des Tunnels und wir haben endlich die Aufenthaltsgenehmigung bekommen. An diesem Tag habe ich zum ersten Mal seit Jahren wieder geweint, vor Freude. Daraufhin hatte mein Mann eine sichere Vollzeitstelle als Reinigungskraft und ich habe eine Arbeit als Privathaushaltshilfe gefunden. In der Heimat haben wir beide Abitur gemacht, aber der Schulabschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt. Es ärgert uns nicht einmal, denn die Hauptsache ist, dass wir beide endlich arbeiten können und die Kinder nun zur Schule gehen dürfen.

 

Ich bin mit dem Ziel und Wunsch nach Deutschland gekommen, in einer ruhigen, schönen Wohnung zu leben, eine Arbeit zu finden und die Sicherheit zu haben, die ich nach Jahrzehnten der Verzweiflung dringend brauchte. All die Jahre im Asylheim habe ich mir ausgemalt wie ich meine Wohnung einrichten möchte, wie die Kinderzimmer aussehen sollen und meine Küche, in der ich allein und nur für uns kochen würde.

In meiner Fantasie waren die Wände bunt gestrichen, unser Schlafzimmer in rot und die Kinderzimmer in grün und gelb. Wir haben Dekoration und Bilder im Wohnzimmer, die uns an die Heimat erinnern würden und einen schönen Esstisch mit einer Tischdecke, an dem wir alle zusammen essen. In allen Zimmern gibt es große Fenster, damit die Wohnung immer schön hell ist und die Türen ließen sich auch abschließen, wenn man möchte, obwohl das dann gar nicht mehr nötig wäre. Ich träumte von einem Gewürzregal in der Küche und einem Kühlschrank, in dem immer genug zu essen ist.

Schulranzen, die nach der Schule in die Ecke geschmissen wurden und Spielsachen auf dem Boden des Kinderzimmers. Wir würden Musik in unserer Muttersprache hören und dazu singen und ich würde in meinem Schlafzimmer ein wenig allein dazu tanzen. Mein Mann und ich würden gemeinsam in unserem Bett schlafen und könnten auch mal wieder Zeit zu zweit verbringen.

 

Jetzt schien es zum Greifen nahe, doch obwohl wir beide arbeiteten, gab es nur sehr wenige Wohnungen in unserer Preisklasse, vor allem weil wir auch immer wieder Geld nach Sri Lanka schicken mussten, um das Überleben unserer Geschwister und Eltern zu sichern. Viele Vermieter antworteten nicht einmal auf unsere Anfrage, andere verweigerten uns eine Besichtigung und wieder andere wollte keine Wohnung an uns vermieten, weil wir Ausländer sind. Es gab schlichtweg niemanden der uns eine Chance, eine Möglichkeit geben wollte unseren Traum des eigenen gemütlichen Zuhauses zu ermöglichen.

In unserer Verzweiflung haben wir uns an die Schulen der Kinder und an eine Kirchenorganisationen gewandt. Die haben sich sehr für uns eingesetzt und haben uns zusammen mit der Integrationshilfe eine Wohnung vermitteln können. Wir brauchten nur jemanden der für uns bürgen konnte. Jemand deutschen.

 

Nach acht langen Jahren habe ich meine Einbürgerung bekommen. Ich war noch nie glücklicher über ein Stück Papier. Dazu musste ich ein B1-Sprachzertifikat vorweisen, noch weitere Zertifikate über besuchte Kurse, eine feste Arbeitsstelle und einen Wohnsitz. Außerdem musste ich einen Einbürgerungstest bestehen, der sehr detailliert und schwierig war, aber ich habe gerne dafür gelernt, weil Deutschland meine neue Heimat ist und ich mittlerweile hier zu Hause bin. Meine Kinder sind fast komplett hier aufgewachsen, alle drei gehen mittlerweile aufs Gymnasium und kennen Sri Lanka nur noch von Erzählungen und Fotos. Auch wegen ihnen fühle ich mich als halb Deutsche.

Meine Heimat vermisse ich dennoch sehr, meine Familie, das Essen, die Kleidung, unsere Sprache, meine Wurzeln. All das habe ich hier nicht. Es besteht die Hoffnung irgendwann zurück zu kehren, wenn die Kinder erwachsen sind und unsere Situation gut und beständig ist. Wer weiß, vielleicht wird das der nächste Traum.

 

Der schrille Wecker aus dem Schlafzimmer reißt mich aus meinen Gedanken. Ich habe so vor mich hingeträumt, dass der Tee unberührt kalt geworden ist. Die große Küchenuhr zeigt 6 Uhr an, es wird Zeit sich fertig zu machen. Mein Mann kommt verschlafen in die Küche und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. „Hattest du wieder den Traum?“, fragt er. „Ja, aber es ist nicht schlimm. Es ist vorbei.“ Er lächelt und sagt er geht die Kinder wecken.

Wie jeden Morgen gerate ich ein wenig in Zeitdruck, hole schnell die Teller und Tassen aus dem Schrank und trage den hohen Geschirrstapel vorsichtig ins Wohnzimmer. Ich stelle ihn auf dem Esstisch ab und werfe die Tischdecke zurück, um Teller und Besteck zu verteilen. Mein Blick fällt auf die Tischdecke und ich halte kurz inne, um mich in meinem Wohnzimmer umzusehen. Ich betrachte die Bilder an den Wänden und die großen grünen Pflanzen, die sich im ganzen Zimmer verteilen. Schaue aus dem großen Fenster und kann durch einen Spalt zwischen den Dächern der Nachbarhäuser den Sonnenaufgang sehen.

Beim Anblick der ersten Sonnenstrahlen des Tages, fühle ich mich von jedem einzelnen geküsst. Der Himmel hat eine intensive Rot Färbung, in flüssigem Übergang verändert sich die Farbe in ein dunkles Orange und wird aufsteigend heller, bis zu einem sanften Pfirsichton. Tiefe Dankbarkeit und Glücksgefühle strömen durch meinen ganzen Körper und mit einem Lächeln nicke ich dem Himmel zu. Ohne ihn und die höhere Macht, gäbe es dieses kleine Wunder nicht. Es kommt mir vor, als hätte ich mein Bewusstsein wiedererlangt. Das Bewusstsein dafür welches Leben ich gerade führe. Ich bin stolz auf mich. Ich bin stolz auf uns, denn der Kampf hat sich gelohnt. Vielleicht ist die Rückkehr in die Heimat der nächste Traum, doch erst genieße ich den jetzigen.


Es ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Ich hatte schon länger das Bedürfnis einen Text zur Flüchtlingsdiskussion zu verfassen, doch mir fiel nichts ein, das den Nagel auf den Kopf treffen würde. Ich bemühe mich in meinem Blog andere Realitäten aufzuzeigen, doch in manche kann ich mich nicht hineinversetzen.

Ich bin eine Weiße ohne eigene Migrationsgeschichte, die in Deutschland, in Frieden aufwachsen durfte. Weder kenne ich den Schmerz noch den Mut, der dahintersteckt, seine Heimat und sein Leben, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, zu verlassen. Dieser Text ist etwas Besonderes für mich, denn ich darf die Geschichte einer bewundernswerten und starken Frau erzählen. In einem Interview schilderte sie mir ihre Ankommensgeschichte, sodass ich einen persönlichen Einblick in ihr individuelles Schicksal bekommen habe. Ich habe mich dazu entschlossen nicht viel drum herum zu schreiben, denn ihre Geschichte steht für sich. Vielleicht verhilft es dem ein oder anderem auch zu einer anderen Sicht auf das von den Medien abstrakt gehaltene Thema „Flüchtlinge“. Damit hätte ich mein Ziel schon erreicht.