Nur noch fünf Minuten.

Es ist laut, Menschen strömen an mir vorbei. Sie laufen gezielt auf ihrem Weg, müssen irgendwann irgendwo sein und ihren Pflichten nachkommen. Sie sehen mich an, nur kurz, vergessen mich wieder, für immer. Ich stehe in der Vorhalle des Bahnhofs, warte auf jemanden, der sich die Zeit nimmt mir die letzten 80 Cent zu geben, die mir für so ein kleines Vodka-Fläschchen fehlen. Jeder von ihnen hat nur noch fünf Minuten Zeit, bis der Zug fährt, bis sie aufbrechen müssen, bis sie nach einer langen Fahrt eine Zigarette rauchen oder in denen sie sich einen Kaffee kaufen können. Wir leben in verschiedenen Zeitzonen. Ich kann den ganzen Tag hier rumstehen oder draußen, kann nach Hause gehen, oder zu jemandem, der in der gleichen Zeitzone lebt wie ich. Meine Zähne sind ausgefallen, meine Haare billig blondiert, mit Make-Up versuche ich die tiefen Augenringe zu kaschieren. Ich trage das, was andere aussortiert haben, umgebe mich mit Leuten, mit denen andere nicht reden wollen. Meine Gedanken sammeln, bündeln sich, ergeben einen Sinn und formen sich in einem Fluss, ganz von allein, zu einer endlosen Spirale von Existenzfragen. Ich hinterfrage mein Leben, mich selbst und den Sinn des Lebens ganz allgemein. Ein unerträglicher Zustand, es pocht an beiden Schläfen im Takt der riesigen Bahnhofsuhr, die mir zeigt, dass auch meine Zeit vergeht.


Endlich! Ein gütiger Mensch, ein Anzugträger mit einem Fair-trade-Kaffeebecher in der Hand. Er hat eine Tasche voller wichtiger Papiere, einen gepflegten Vollbart und zieht eine Wolke teures Parfum hinter sich her. Über Kopfhörer schottet er sich von allen ab, versinkt in der Musik oder hört einen Podcast, oder was auch immer Menschen wie er anhören, um der Bahnhofsrealität zu entfliehen. Er steuert auf mich zu, drückt mir ungefragt einen Euro in die Hand, nickt und folgt seiner Spur. Seinem Ziel für heute, wo er wichtige Dinge erledigen wird mit wichtigen Menschen, die über wichtige Themen sprechen. Schätzungsweise hat er nur noch fünf Minuten Zeit. 

Ich schaue ihm noch eine Weile hinterher, halte den Euro in der Hand wie einen kleinen Schatz, einen Trostpreis, ein Mitleidsbekenntnis. Sehe ich so bedürftig aus? Ich streiche mit dem Finger über die Münze, fühle einen Stich in meinem Hinterkopf und wieder dieses Pochen an den Schläfen, wieder diese Gedanken. Der Vodka ist schnell besorgt, mit einem Schluck spüle ich ein paar Valium runter und halte dabei die Luft an. Der Geschmack von Alkohol ekelt mich an. Jetzt habe ich nur noch fünf Minuten Zeit. Fünf Minuten, in denen ich mir ein ruhiges Plätzchen suchen muss, bevor es fährt und ich in dieser Bahnhofsrealität gefangen bin.

 

Die Menschen sind noch gestresster, schieben sich in Stromlinien durch die Gänge, schubsen sich gegenseitig von der Rolltreppe. Es wird mehr und mehr, lauter, gehetzter, unerträglich. Meine Welt dehnt sich aus, der Raum wird größer, breiter, heller. Alle ziehen an mir vorbei, sehen mich an, nur kurz, vergessen mich wieder, für immer. Ich schleppe mich auf eine Bank an einer Wiese vor dem Bahnhofsgebäude.

Es ist kalt, Dezember oder November, ich decke mich mit meinem Schal zu. Die Kälte bläst mir noch einen Moment ins Gesicht, wird sanfter und tänzelt dann um meinen regungslosen Körper herum. Sie verschwindet, mir wird … ähm warm. Ich könnte gehen. Ja! Gehen. Oder U-Bahn fahren. Zu mir, also jetzt. Die Bank ist hart, aus Holz. Holz. ist hart – meistens. Zuhause ist ein Bett, warm, nicht aus Holz. Aufstehen? Oder gehen. Wohin wollte ich gehen? Achja Holz. Hartes Holz in der Kälte im November, oder Oktober. Winter vielleicht. Hahahahaha ja, Holz ist hart, meistens. Ich mag es hier, hier ist alles rund und leer. Wenig Leute, nicht so wie da. Also da wo ich gerade war. Da, wo die Leute waren. Da wars warm, so wie da wo ich hinwollte. Irgendwas war in fünf Minuten. Irgendwo – vielleicht? Keine Ahnung, ich schlaf einfach ein bisschen. 

 

 

„Endhaltestelle, wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen.“ Jemand streift meinen Arm, reißt mich aus dem Schlaf. Verdammt, ich muss zu meinem Anschlusszug! Ich renne durch die Halle, fluchende Menschen gehen mir aus dem Weg. Im Strom mit allen anderen, in derselben Spur, im gleichen Takt. In fünf Minuten auf Gleis 15 ist mein Ziel. Arbeiten, wichtige Dinge erledigen und wichtige Gespräche führen. Ich drängle mich auf die Rolltreppe und laufe sie im Endeffekt trotzdem einfach hoch. Eine junge Frau steht mir im Weg, ich stöhne und rolle mit den Augen, sie reagiert nicht. Sie nimmt mich gar nicht wahr, es wirkt, als lebe sie in einer anderen Welt. Sie hat billig blondierte Haare, sieht ungepflegt und müde aus. Ich krame einen Euro aus meiner Jackentasche und drücke ihn ihr in die Hand. Es wirkt als versuche sie zu lächeln aber ihre Augen sind leer. Eine so junge Frau, das blühende Leben, das dem Tod so nahe ist. Ich laufe weiter und denke noch einen Moment an sie. Ich könnte wie sie sein, wenn ich den Absprung nicht geschafft hätte. Ich könnte wie sie werden, wenn ich auch nur einen Fehler mache. In Gedanken wünsche ich ihr den Mut und die Stärke ein neues Leben anzufangen. Danach vergesse ich sie, für immer.