Getriggert.

In Gedanken betrachte ich meine früheren Selbst als unterschiedliche Menschen. Fast wie Bekanntschaften, aus denen ich mich heraus entwickelt habe. Manchmal wundere ich mich, wie ich auch nur eine einzelne davon sein konnte.

 

Ich verbinde mit ihnen lustige Erfahrungen, schöne Erinnerungen, schräge Erlebnisse. Ja, leider auch Traumata. Während ich durch mein Fotoalbum blättere, stehen wir in meiner Fantasie, alle gemeinsam herum, tauschen uns aus, reflektieren den Lauf der Dinge und plaudern ein wenig. Und dann taucht auf der Party diese eine Person auf, mit der man absolut nicht gerechnet hat, sie jemals wieder zu sehen. Es sind nämlich die Nicht-Erinnerungen, die einen fast umbringen.

 

Wie beschreibt man selbstzerstörerische Gedächtnislücken?

 

Ich blicke in das gezeichnete Gesicht meines vergangenen Selbst, nach einer durchzechten Nacht, mit verzweifeltem Blick auf der Suche nach Anschluss. Wie gern würde ich sie in den Arm nehmen, sie trösten und sagen, dass alles gut werden wird. Doch ich traue mich nicht sie anzusprechen. Man sollte Narben nicht aufkratzen.

 

Allein sitzt sie in der Ecke und trinkt den Wein direkt aus der Flasche. Man sieht ihr an, dass sie sich in ihrer eigenen Welt befindet. Die ins Leere starrenden Augen, spiegeln ihr Innerstes nach außen: Scham, Verletzlichkeit, Demütigung, Trauer, Erniedrigung, Wut, Schuld, Angst und Hass. Eine hochexplosive Mischung an Gefühlen. 

Sie hatte die Kontrolle verloren. Abgegeben an ihr Vertrauen auf fremde Menschen, mit einer unausgesprochenen Bitte, diese Schwäche nicht auszunutzen. Okay, sie hat einen Fehler begangen, aber hat sie das wirklich verdient? Nein, niemand hat das verdient.

Ohne mich an den genauen Ablauf dieser Nacht erinnern zu können, weiß ich was passiert ist. Es ist eben nur so ein Gefühl.

 

Meine Hand zittert beim Gedanken daran und ich klappe das Album schnell wieder zu. Das Aufblitzen dieser Erinnerung hat eine Kettenreaktion in meinem Gehirn ausgelöst. Wechselnde Bilder und Stimmen prasseln auf mich herab wie schwere, eisige Hagelkörner.

Es brodelt in mir. Mir ist heiß und kalt gleichzeitig.

Immer mehr schmerzhafte Details kommen zum Vorschein. Sie lassen sich nicht mehr aufhalten, werden zu schwer, um sie runterzuschlucken. Es ist zu spät, um zurückzurudern. Ich habe bereits die Kontrolle über die Situation verloren. Mit einem Mal falle ich zurück in mein früheres Selbst und erlebe in meinem Kopf die Nacht noch einmal. Jedes verdrängte Gefühl von damals, jetzt ein Messer, das mir in die Brust sticht. Ich bin wieder sie.

 

Die Gegenwart steht still, meine Vergangenheit überwältigt mich. Diese Szene wurde zu lange verschwiegen. Jetzt holt sie sich gewaltsam die Aufmerksamkeit, die sie damals gebraucht hätte und droht mich zu ersticken. Ich fühle mich gedemütigt, buchstäblich auf die Knie gezwungen. Es sind Erinnerungen wie diese, die den Strick um meinen Hals jeden Tag ein wenig enger spannen.

 

Mit der letzten Kraft in meinen Lungen möchte ich um Hilfe schreien. Doch ich weiß nicht wie, ohne mit der ganzen Wahrheit rauszurücken. Aber das kann ich niemandem antun. Und mir selbst schon gar nicht.

Letzten Endes würde das passieren wovor ich am meisten Angst habe. Es würde sich herausstellen, dass meine Schuldgefühle berechtigt sind.

Also ertrage ich den Moment. Ich ertrage den Schmerz nicht nur einmal, sondern wieder und wieder und wieder, sobald mich etwas daran erinnert. Nach außen hin schweigend mit einem Lächeln auf den Lippen, innerlich schreiend und tobend.

 

Noch stehe ich, noch kämpfe ich dagegen an, noch lebe ich damit. Doch tief in mir warte ich geduldig auf den glorreichen Moment, in dem ich zusammenbrechen werde und meinen persönlichen emotionalen Showdown miterlebe.

Nur wer wird mich schreien hören? Wenn doch niemand Bescheid weiß, wer wird mir zur Hilfe eilen und mich vor dem Lauffeuer meiner Vergangenheit retten? Leider niemand. Denn es können nur jene befreit werden, die schonungslos ehrlich mit sich selbst sind.

 

Mit jedem Mal, mit dem es ausgesprochen wird, verliert es an Schrecken und Gewalt. Das habe ich glücklicherweise im Lauf der Zeit lernen dürfen.