Schizophrenie.

Schizophrenie - Ein Mensch zwischen Bewusstsein, Wahrnehmung und Psychose

 

Hallo! Guten Tag, ich bins, wir kennen uns - unsere Seelen waren mal miteinander verbunden.

Ich möchte dich auf eine Reise mitnehmen. Hol dir einen Tee und nimm dir Zeit für meine Geschichte. Du wirst sie brauchen, um zu verstehen. Du bekommst einen Einblick in die Erfahrung, die mein junges Leben geprägt hat. Ich nehme dich mit auf eine Reise in mein Bewusstsein, meine Wahrnehmung in meine Realität. Herzlich willkommen zu meiner Odyssee.

 

Meine Diagnose lautet paranoide Schizophrenie, im Endeffekt bedeutet das nur, dass meine Seele gespalten ist. Manchmal fühlt es sich an, als wären meine Gedanken etwas anderes, als ich es bin. Ein Mensch und eine Gedankenwelt, unabhängig voneinander und doch in einem Körper verbunden. Ich hänge stark an Dingen, die es nicht gibt. Doch wer sagt, dass wir alles kennen?

Die Seele ist tief und unergründlich und ich bin der Überzeugung, es gibt viele Wunder, die man nicht wahrnimmt. Meine Psychose war eine Erfahrung des Paradieses und reiner Utopie. Ich habe die Welt gesehen und gespürt, wie sie sein sollte und habe mich in dieser Welt stetig weiterentwickelt. Die einzigartige Verwirklichung von Mensch und Natur in Einklang und Harmonie. Ich erfuhr Verständnis für die Dinge, wie sie wirklich sind und funktionieren doch ich verlor mich zwischen den Welten. Sie sind schlichtweg zu alt und zu tief, um sie vollständig ergründen zu können.

Es waren alles Einblicke, die ich auch im Nachhinein nicht erklären oder einordnen möchte, um mir dadurch dazu gewonnene spirituelle Erkenntnisse offen zu halten. Ich denke, das ist das Beste an der Schizophrenie. Es ist die Gabe, sich für Spiritualität zu öffnen und Dinge, Zeichen und Wunder zu erkennen, die andere niemals wahrnehmen können.

Das Schlimmste an einer solchen Bewusstseinserweiterung ist die dauerhafte und anhaltende Wahrnehmung von Dingen, die einen belasten. Niemand versteht einen, aber wie denn auch, das größere Übel ist, man versteht sich selbst nicht. Irgendwann dreht man durch. Die Suizidrate bei diagnostizierter Schizophrenie ist entsprechend hoch. Bei Männern beträgt sie 38,5% und bei Frauen 24,1% (BMJ Research 2008. 337: a2205).

 

Doch ich kämpfe weiter. Durch Gebet und Meditation versuche ich mit all dem abzuschließen. Die Kunst hilft mir, meine Gefühle und Gedankengänge zu reflektieren. Das ist wichtig, denn ich denke viel zu viel nach. Selbst rückblickend kann ich meine Erlebnisse nicht neutral beurteilen. Ich erinnere mich nur an das, was ich wahrgenommen habe und es ist mir wichtig zu erwähnen, dass ich das Folgende genau so erlebt habe. 

Der Beginn der Paranoia, die Veränderung des Bewusstseins.
Der Beginn der Paranoia, die Veränderung des Bewusstseins.

Meine Odyssee – Die Geschichte von Mandala

     

 

      1. Wie alles begann

 

 

Die meisten sehen in einem Joint eine Droge, ein Rauschmittel, vielleicht auch Medizin. Für mich ist es mehr als das. Seit meinem ersten Joint weiß ich, dass Marihuana das heilige Kraut ist, das uns von Mutter Erde geschenkt wurde. Wenn ich den Rauch tief einatmete und meine Augen geschlossen hielt, verwandelte das THC die Dunkelheit in riesige bunte Mandalas, die sich formten und bewegten. Die Wirkung war atemberaubend!

 

Mit diesem Kontakt begann meine Odyssee.

 

Im Alter von 18 Jahren rauchte ich fast täglich und verkaufte auch Haschisch auf der Straße. Als ich dabei erwischt wurde, haben sie mich aus dem Heim geworfen. Somit war ich gerade volljährig, ich war allein, ich war obdachlos. Das Rumhängen auf der Straße mit den Leuten, die üblicherweise so auf der Straße rumhingen, brachte mich dazu, auch Crystal Meth und Kokain zu nehmen. Irgendwann konsumierte ich nur noch psychedelische Substanzen wie LSD oder LSA Samen.

Aber Marihuana sollte für immer meine Lieblingsdroge, mein Begleiter, mein Heiligtum, meine Liebe bleiben. Mit der Veränderung des Drogenkonsums kam es bei mir zu einer Entwicklung. Mit der Zeit wurde ich immer aufgedrehter und stellte mir intensiv philosophische Fragen. Vor allem beschäftigte ich mich damit, was Gott ist, und ich fing an, alles damit zu assoziieren.

Immer wieder hatte ich prägende spirituelle Erfahrungen und fühlte mich mit allem um mich herum verbunden. Es ist, als würdest du nach all den Jahren endlich ein Teil der Welt werden und sie ein Teil von dir. Du nimmst das Universum mit all seinen Kräften und Energien in dir auf und spürst, wie auch die eigene Seele Teil dieser Energie wird. Es ist ein unglaublich kraftvolles Gefühl, nur wusste ich vorher nicht, wo es mich hinführen wird. Aber ich wurde auch nicht vor die Wahl gestellt, es gab kein Zurück mehr. Damit begann alles so langsam aus dem Ruder zu laufen…

 

 

Ich führte viele philosophische Gespräche, allerdings waren die Inhalte wirr und vollkommen unlogisch. Irgendwann wurden sie sogar den Leuten auf der Straße zu viel und ich blieb allein mit meinen Gedanken. Zu dem Zeitpunkt versuchte ich, in meinem Geist alles Irrationale mit Rationalem zu verknüpfen. Nur wenn du die Einigkeit und eine Verbindung zwischen diesen gegensätzlichen Konstrukten findest, kannst du das Sein erfassen und dessen Sinn entschlüsseln. Meine Gedankengänge waren abstrakt, doch ich sah darin eine tiefere Bedeutung, ein Rätsel des Lebens, das gelöst werden wollte. Und dann kam es zu der Begegnung, die mein Leben für alle Zeiten verändern sollte.

Das Treffen mit Peta.
Das Treffen mit Peta.

Ich hing in einem Park herum, nahe dem Hauptbahnhof und rauchte allein eine Zigarette. Wie immer war ich in Gedanken versunken und beobachtete meine Umgebung, bis auf einmal ein alter Mann vor mir stand. Sein Auftauchen überraschte mich, es dauerte einen Moment, bis ich realisiert habe, wer da vor mir stand. Es war ein dunkel gekleideter Mann mit tief hängender Kapuze, sodass man auf den ersten Blick sein Gesicht nicht erkennen konnte. Er fragte mich, was ich hier tat, also lud ich ihn dazu ein, einen Joint mit mir zu rauchen. Lachend willigte der Fremde ein und wir verstanden uns auf Anhieb. Seine düstere Gestalt trügt, er wirkte auf mich wie ein freundlicher Mensch. Wir kamen ins Gespräch und er stellte sich als Peta vor.

 

Wir hatten den anfänglichen Smalltalk ziemlich schnell überwunden und ich sprach auch mit ihm über tiefgründigere philosophische Themen. Dabei erzählte er mir, dass Sinti und Roma Naturvölker seien und wiederholte ständig, wie schrecklich er es findet, was die Menschheit in der Natur anrichtet.

Als ich ihm zustimmte, grinste er nur und sagte daraufhin: „Weißt du mein Freund, ich bin dabei eine Maschine zu bauen. Eine Maschine, die so unglaublich ist, dass du sie dir nicht vorstellen kannst.“

Seine leuchtenden Augen weckten mein Interesse, also fragte ich nach der Art und Funktion dieser Maschine und er erzählte weiter: „Sie bringt das Paradies auf Erden, aber ich befürchte, die Welt ist noch nicht bereit für ihre Kraft.“ Er spuckte vor die Parkbank auf den Boden und reichte den Joint weiter. „Weißt du, ich habe sie bereits einmal gebaut, damals, in Serbien. Es war eine schlimme Zeit, ich hatte nichts zu essen und diese Maschine hat mir Hoffnung gegeben.“ Mit ernsthaftem Blick sah der alte Mann mir ins Gesicht und sagte in düsterem Ton, dass ich gehen sollte, wenn ich ihn für verrückt hielte. Doch ich blieb, denn ich glaubte ihm. 

 

Einer meiner damaligen Glaubenssätze verleitete mich dazu. Nämlich, dass Verrückte eigentlich die Normalen sind und dass diejenigen, die man für normal hält, die Verrücktesten sind.

Ich glaube, dass „normale“ Menschen nicht offen sind für Wunder und sie deshalb nicht erkennen können. Ihr Tunnelblick, stur auf die Arbeit und das 08/15 Leben in einer kapitalistischen Gesellschaft gerichtet, lässt keine Lücken, um die Schönheit in der Welt zu sehen. Nicht einmal dann, wenn sie direkt vor ihren Augen ist. Peta schien mir wie einer, der etwas davon verstand, also hörte ich ihm aufmerksam zu.

Auch er bemerkte, dass ich ihn ernst nahm. Seine Mimik besänftigte sich und er fuhr fort: „Der Plan für diese Maschine war ein Geschenk Gottes an mich. Sie ist nicht größer als ein Umzugskarton und kann Strom, also Energie, aus dem Nichts erschaffen. Sie funktioniert mit Liebe.“ Seine Worte zogen mich in den Bann. Ich war begeistert von der Vorstellung einer so wichtigen und einzigartigen Maschine. Später sagte er, es sei nicht leicht sie zu bauen und er benötige Geld dafür. Ohne groß zu überlegen, gab ich ihm mein ganzes Geld. Es waren 1500 Euro und noch die Erbstücke meiner Mutter. Alles für einen guten Zweck, dachte ich mir.

 

Er lächelte und schüttelte mir die Hand. Mit beiden Händen umfasste er die meinen und sein schiefes Lächeln zeigte, dass ihm ein paar Zähne fehlten. Ein Stück von einem Goldzahn blitzte dabei auf. Er hatte den gleichen Farbton wie seine Halskette.

Dankend nahm er mein Geld und kündigte an, dass jetzt die Nacht käme, in der wir sie bauen würden. Nach einer kurzen Pause zog Peta seine Kapuze noch ein wenig tiefer ins Gesicht und sagte: „Doch vorher wird eine schreckliche Zeit auf dich zukommen. Mach dich darauf gefasst und denk immer daran: Das Irrationale mit Rationalem zu verbinden, ist deine große Gabe. Es ist deine Aufgabe. Wann immer du Kinder oder Tauben siehst oder Gänsehaut bekommst, weißt du, dass du dich auf dem richtigen Pfad befindest.“

 

Seine Drohung nahm ich zunächst gar nicht wahr. Ich hörte nur noch mit halbem Ohr zu und schwelgte bereits in Gedanken. Direkt schossen mir tausend Ideen und Wünsche in den Kopf, all die Träume, die sich dadurch erfüllen würden. Voller Vorfreude sagte ich ihm, dass wir berühmt werden würden und so viel Gras rauchen könnten, wie wir wollen. Aber er rollte nur mit den Augen und schüttelte den Kopf. Wir hätten schließlich eine größere Aufgabe, auf die man sich konzentrieren müsste. Das Kiffen stünde dem nur im Weg, daher verbot er es mir und ich hielt mich daran.

 

Langsam wurde er unruhig und entfernte sich um ein paar Schritte von der Bank. Immer wieder sah er sich um, als würde er nach jemandem oder etwas Ausschau halten. Obwohl die Sonne schien, war der Park ziemlich leer. Ein Stück hinter uns saßen Jugendliche auf einer Decke und rauchten Shisha. Ansonsten nur vereinzelt Leute mit ihren Hunden und ein paar Jogger auf dem Gehweg, dennoch schien ihn irgendetwas nervös zu machen. Hektisch steckte er das Geld ein, packte seine Sachen zusammen und machte mit mir einen Treffpunkt für den gleichen Abend aus.

Gerade als er gehen wollte, drehte er sich noch einmal zu mir um und sagte in verschärftem Ton, dass ich bei unserem Treffen auf keinen Fall etwas Böses tun sollte. Wenn ich mich nicht daran hielte, würde er mich ins Krankenhaus bringen. Aus unserem Gespräch wusste ich, dass er mal Soldat war, und ich nahm seine Ansage ernst. Aus Angst versprach ich ihm, es nicht zu verkacken und versicherte ihm mit einem fetten Grinsen, dass wir es gemeinsam schaffen würden, das Böse dieser Welt zu besiegen.

 

Nachdem er gegangen ist, sah ich ihm noch ein Stück hinterher, bis er in der Unterführung verschwand. Wow, dachte ich mir. Gerade noch vor einer Stunde war ich einfach ein junger Typ, der gerne Musik macht und sich fragt, was er heute tun soll. Mein Traum war es, irgendwann mit meiner Musik erfolgreich zu werden und davon leben zu können, und plötzlich kam ein fremder alter Mann daher und erzählte mir fast schon beiläufig von so einer Wahnsinnsmaschine. Und ich durfte mich daran beteiligen! Ich würde dazu beitragen, mit seiner Erfindung die Welt zu verändern und zu einem schöneren und lebenswerteren Ort zu gestalten. Gedanken wie diese überschlugen sich in meinem Kopf und gaben mir unglaublich viel Hoffnung. Mit einem Mal hatte ich meine Aufgabe in dieser Welt gefunden. Es hat sich einfach so ergeben, ich musste lediglich offen sein für diese Begegnung. Das war zu heftig. In diesem Augenblick konnte ich mein Glück kaum fassen.

 

Die Sonne schien mir noch ihre letzten Strahlen ins Gesicht, aber es wurde langsam etwas frisch. Es sollten noch Stunden vergehen, bis zu unserem Treffen. Ich war noch immer so überwältigt von unserem Gespräch, dass ich es in meinem Kopf noch einmal durchging. „Das Böse hat gelebt, doch seit 1999, deinem Geburtsjahr mit dem Jahrtausendwechsel, hat ein neues Zeitalter begonnen“, hatte er immer wieder gesagt. Er wiederholte auch des öfteren, dass ich jemand Besonderes sei und eine große Gabe hätte. Ich sei das pure Licht. Ohne so wirklich zu verstehen, was er damit meinte, beflügelte mich der Gedanke daran. Es gefiel mir, dass Peta scheinbar etwas in mir sah, das für meinen Verstand noch nicht greifbar war. Aber auch das sollte sich bald ändern.

 

Als es allmählich zu dämmern begann, machte ich mich auf den Weg zum ausgemachten Treffpunkt. Ich fuhr drei Stationen mit der Bahn und lief dann durch die völlig überfüllte U-Bahnstation. Voller Hektik strömten die vielen Menschen in alle Richtungen, doch ich nahm sie kaum wahr. Ich war so in meine Gedankenwelt abgedriftet, dass ich teilweise Leute anrempelte, ohne es auch nur zu bemerken. Mir gingen seine Worte nicht mehr aus dem Kopf, in denen er sagte, dass etwas Böses auf mich zukommen würde. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wovon er sprach.

Dann kam ich endlich in der Wohnung an. Als ich den kleinen verrauchten Raum betrat, saß Peta mit einem zweiten Mann am Tisch. Ich stellte mich kurz vor und setzte mich dem großen, volltätowierten Mann gegenüber. Lachend sagte er: „My life is a party, all day and all night.“

Sein Lachen war ansteckend und ich sagte, dass ich seine Lebenseinstellung teile. Wir waren direkt auf einer Wellenlänge. Peta reichte mir den Joint weiter. Er erlaubte mir zu kiffen, was meine gute Laune in dem Moment noch verstärkte. Die Stimmung an jenem Abend war ausgelassen und wir führten intensive Gespräche.

Der Tätowierte vertraute mir an, dass er der Gott der Musik sei, woraufhin Peta äußerte, er sei Vater Sonne. Allein die Tatsache, mit zwei Göttern an einem Tisch sitzen zu dürfen und das heilige Kraut zu rauchen, erfüllte mich mit Stolz. Ich muss wohl auserwählt worden sein, um hier und jetzt in dieser Runde zu sitzen und über das Leben nachzudenken, sagte ich zu mir selbst. Es bestärkte mich in meinem Gefühl eine wichtige Rolle in dieser Welt zu haben. Ein junger Kerl mit einer tragenden, revolutionären Aufgabe. Auf der Suche nach der Lösung für die Probleme in dieser Welt. Und meine Gabe würde mir dabei helfen.

 

Im Laufe des Gesprächs hielt mir der Gott der Musik sein Handy vor die Nase und zeigte mir auf einem Foto seine beiden Söhne, Hoch und Tief. Er erzählte mir auch eine kleine Anekdote zu ihnen, die ich beim Malen mit einbezogen habe. Wie so vieles aus dieser Zeit, hatte ich unter anderem auch seine Söhne gemalt, um meinen Eindruck, im Nachhinein noch festzuhalten. Ich habe sie als zwei unterschiedliche, abstrakte Charaktere in einem gemeinsamen Körper dargestellt. In Tiefs langgezogenem, ovalen Gesicht, steht die Traurigkeit geschrieben. Hochs Gesichtszüge sind zwar lächelnd, doch seine Augen und wild abstehenden Haare drücken Wahnsinn aus. Doch dieses Bild wird der Musikgott nie zu Gesicht bekommen, denn ich habe ihn nach diesem Abend, nie wieder getroffen.

Die Söhne Hoch und Tief
Die Söhne Hoch und Tief

Wir saßen bereits einige Stunden gemütlich zusammen, als die Stimmung plötzlich kippte. Peta stand von seinem Sessel auf und sagte mit tiefer Stimme er sei der Teufel, und dass er alles übernehmen werde. Sein düsterer Blick schweifte durchs Zimmer und blieb letztendlich an mir haften. Seine Stimme klang verändert und er sprach jedes Wort über deutlich aus, während er mir in die Augen starrte. Auf einmal fühlte ich mich unwohl und entwickelte regelrecht Angst vor meinen neuen Bekannten. Es schien mir nicht der richtige Zeitpunkt, um ihn auf die Maschine anzusprechen, also machte ich mich zum Aufbruch bereit. Ich verabschiedete mich nur knapp, bevor ich mit Herzklopfen die Wohnung verließ. Auf dem Weg nach Hause wollte ich erst den üblichen Weg gehen, doch entschied mich spontan um und nahm einen kleinen Umweg durch den Park. Ich war verwirrt, weil ich den Alten und seinen Freund scheinbar falsch eingeschätzt hatte. Der Teufel ist ein guter Schauspieler.

 

Es war mittlerweile dunkel und die breiten Gassen wurden nur von trübem gelben Licht der Laternen erhellt. Irgendetwas blendete mich und strahlte mir in die Augen. Als ich meinen Kopf hob, sah ich die Bäume in grellem Weiß leuchten. Ein sanfter Windstoß ließ ihre Blätter leise rauschen und ich sah noch intensiver ihre leuchtende Farbe. Ich wunderte mich darüber, doch war mindestens genauso fasziniert davon. Es war pure Schönheit. Ich blieb kurz stehen, da kreuzte eine Schar Tauben meinen Weg. Sie gurrten laut durcheinander und manche plusterten sich auf, wenn sie ihre Brotkrumen verteidigen wollten. Vereinzelt kamen weitere Tauben angeflogen und liefen auf dem Schotterweg um mich herum, aber die meisten gingen mir voraus.

 

Ich war allein im Park und als hätte man sie gerufen, flogen mehr und immer mehr Tauben auf mich zu. In diesem Moment erinnerte ich mich an Petas Worte: Ich solle den Tauben folgen. Ihr bestimmter Gang und das energische Kopfnicken bei jedem Schritt gaben die Richtung an. Viele gingen nebeneinander und wirkten entschlossen, doch bei der kleinsten Ablenkung kamen sie vom Weg ab und schwirrten durcheinander. Ihre Schritte waren unvorhersehbar, sie deuteten eine Richtung an, nur um dann auf einmal wieder kehrtzumachen und sich in eine ganz andere zu bewegen.

 

In diesem Moment erkannte ich mich selbst in den Vögeln wieder und musste ein wenig schmunzeln. Meine Gedanken folgten ähnlichen Strukturen. Sie waren bestimmend, dominant, aber willkürlich, unberechenbar und vor allen Dingen zerstreut. Da traf es sich gut, dass ich ihnen folgen sollte. Es schien, als hätten sie keinen Plan vom Weg, und ich auch nicht.

Immerhin wusste ich, dass es der Richtige war, solange die Tauben in meiner Nähe waren. Sie gurrten vor sich hin und ich vernahm vereinzelt verständliche Laute. Erst dachte ich, ich hätte mir das nur eingebildet, doch sie sprachen immer deutlichere Worte, dann sogar Sätze. Nach außen hörte es sich immer noch wie Gurren an, doch ich verstand die Aussage dahinter. Sie sprachen zu mir und ich hatte das Gefühl, sie wollten mich vor etwas beschützen. Die Tauben prophezeiten mir, dass ich den alten Teufel nicht wiedersehen würde. Ich war verwirrt, doch ich glaubte ihnen. Seit diesem Abend verstand ich die Sprache der Tauben und damit kam eine wahnsinnig anstrengende Zeit auf mich zu.

 

In den darauffolgenden Wochen unterhielt ich mich nicht nur mit Tauben, sondern auch mit Bäumen, Pflanzen und allen Tieren. Letztendlich mit der gesamten Atmosphäre. Ständig nahm ich irgendwelche Dinge wahr und fühlte mich durchgehend gezwungen, mit meiner Umgebung zu kommunizieren. Mein Gehirn sehnte sich nach Ruhe und einer Auszeit, doch ich war unfähig, es unter Kontrolle zu bringen. Pausenlos prasselten Informationen, Appelle, Worte, Sätze, Geschichten…, auf mich ein. Es ließ sich durch nichts abschalten und ich wurde immer müder und ausgelaugter.

Meine Seele hat sich mit der Atmosphäre verbunden. Ich war jetzt ein Teil von ihr und sie ein Teil von mir. Sie bestimmte ab jetzt meine Gedanken.

 

Irgendwann sagten mir die Tauben, dass Peta wieder in mein Leben treten würde und ich mich darauf gefasst machen solle. Über gemeinsame Bekannte von der Straße erfuhr ich jedoch, dass er scheinbar eine Werkstatt ausgeräumt und ein Auto geklaut hatte, um damit nach Serbien abzuhauen. Diese Nachricht machte mich traurig und enttäuschte mich zutiefst, vor allem im Hinblick auf die Maschine, die wir bauen wollten. In diesem Moment wurde mir erst so richtig klar, dass er gelogen hatte und unsere gemeinsame Mission nicht stattfinden würde. Wie konnte er mich so belügen? Nach allem, was wir geplant hatten...Nachdem ich ihm mein ganzes Geld, ja sogar das Erbe meiner Mutter gegeben habe. Jetzt erkannte ich in ihm den wahren Teufel. Die Vorstellung von einer besseren, freieren und friedvolleren Welt, eine zarte Seifenblase der Hoffnung, zerplatzte vor meinem inneren Auge. Mit meiner Hoffnung hatte ich auch meinen Glauben verloren, meine Wahrnehmung wurde zunehmend düster und die Katastrophe nahm ihren Lauf.

 

 

 

2. Wie ich Christus wurde

 

So wie der alte Serbe sich als Teufel herausstellte, zeigte mir die Welt noch unzählige weitere. Ohne dass es jemand mitbekam, weilten sie unter uns. Auf den ersten Blick normale Menschen verwandelten sie sich vor meinen Augen in bösartige Gestalten, die ich nicht anders benennen kann als Teufel. Ich erkannte in den Menschen das was sonst niemand sah. Ihre Augen schienen unschuldig, doch sie zeigten mir ihr wahres Gesicht. Düstere Biester, die sich unter uns Menschen gemischt haben, sodass man Mensch und Teufel nicht mehr auseinanderhalten konnte. Ich fürchtete mich vor ihnen und mir wurde langsam bewusst, dass etwas anders ist. Meine Wahrnehmung hatte sich verdüstert, meine Realität war schwarz und von Negativität geprägt. Die wandelnden Teufel machten mir Angst, ich erkannte, dass der Mensch das wahre Übel in dieser Welt ist.

Mit jedem Tag, der verging, steigerte sich mein Hass auf die Menschheit und jeden Einzelnen, der dazugehörte. Keine Worte könnten beschreiben, wie sehr es mich verletzte, was sie in der Natur anrichteten. Ich empfand sie einfach nur als schreckliche und grausame Kreaturen.

Gleichzeitig war ich traurig über den Weg, den ich eingeschlagen hatte. Jeden Tag weinte ich deswegen und meine Wut auf die Ungerechtigkeit auf diesem Planeten übernahm all meine Gedanken und Gefühle.

Aufgrund der psychischen Belastung schlief ich viel. Mein Gehirn lief durchgehend auf Hochtouren und forderte jede Kraft, die noch übrig war. Selbst im Schlaf fand ich keine Erholung, denn ich träumte von Göttern, die zu mir sprachen. Sie vermittelten mir Botschaften, erklärten mir meine Rolle und Aufgabe in dieser Welt. Ich war überfordert mit der Situation, doch mein Gehirn kannte keine Pause.

 

In dieser Zeit der Angst und Verzweiflung zeigte sich mir meine Mutter. Sie kommunizierte mit mir telepathisch und ich hatte das Gefühl, sie wollte mir über den Tod hinaus beistehen. Ich war ihr dankbar und war glücklich, ihre vertraute Stimme zu hören, doch als ich sie dann vor mir sah, bin ich erschrocken. Ihr liebes, friedliches Gesicht verwandelte sich vor meinen Augen in eine hölzerne Maske. Die weichen Gesichtszüge verhärteten sich, sie wurden braun und krustig und formten eine Maserung. Die zarte, rosige Haut sah zunehmend dreckig und erdig aus. Ihr Gesicht war wie eine Skulptur aus Baumrinde, die mit Erde bedeckt ist. Aus dem Nichts überwucherten sie Ahornblätter, bis man nur noch die Augen erkennen konnte.

Der leise liebe Klang ihrer Stimme beruhigte mich und ich hörte ihr zu. Sie erzählte mir, sie sei Mutter Erde und ich als Sohn einer Gottheit war Christus. Es sei ein Geheimnis, das sie mir verriet, weil ich eine Aufgabe hätte. Niemand sonst dürfe davon erfahren.
In einigen Gesprächen weinte sie bittere Tränen und war untröstlich darüber, dass die Natur zerstört wird. Sie war traurig und hatte Angst, weil sich zwar ihre Kinder weiter entwickeln würden, sie aber nicht wisse, ob sie es schaffen würde, es ihnen gleich zu tun. Sie so verzweifelt zu sehen, machte mich traurig und wütend. Ich wusste, ich musste handeln, um ihr zu helfen.

Wieder per Telepathie legte sie mir auf, mir eine Arbeit zu suchen und ich erfüllte ihren Wunsch. Zunächst hatte ich keinen richtigen Plan, ich wusste nicht, was ich tun sollte, konnte mich nicht entscheiden. Doch ich erinnerte mich an Petas Rat, wie von ihm beschrieben, folgte ich Kindern und Tauben. Sie gaben mir eine Richtung vor und durch sie fand ich eine Arbeit beim dpd Paketdienst.

 

In meiner neuen Arbeit lief es zunächst ganz gut. Ich arbeitete in einem Team von Paketzustellern, die sich ebenfalls über Telepathie mit mir unterhielten. Wir alle kommunizierten auf einer Ebene miteinander, die von den meisten Menschen nicht wahrgenommen werden konnte. Eine Art geheimer Sprachkanal, den andere nicht hörten.

Sie sagten mir, sie seien die Guardian Angel. Ihr Wesen, ihre Aura, beruhigte mich und wirkte vertrauenserweckend. Sie hatten eine allumfassende Sicht, wie sie nur Engel haben können. Die Ruhe und Gutmütigkeit, die sie ausstrahlten, befreiten mich von meiner Angst und ich wusste, es würde alles gut werden. Meine Arbeitskollegen legten mir auf, heute Nacht zu predigen.

Ich spürte, dass sie es ernst damit meinten und dass nun meine Zeit gekommen war. In dieser Nacht sollte ich meiner Aufgabe nachgehen und meine Erkenntnisse predigen. Ich sollte den Menschen einen Spiegel vors Gesicht halten, so wie es mir von verschiedenen Göttern und Zeichen prophezeit wurde. Heute Nacht war es endlich so weit und ich ging meiner Bestimmung nach. Ich predigte die ganze Nacht.

 

 

Allein lief ich durch die Stadt, auf der Suche nach Orten, an denen ich Menschen erreichen konnte. Die Leute hetzten durch die Großstadt, es war bereits dunkel und ich folgte den Massen in Richtung U-Bahnstation. Ich fuhr mit der U-Bahn die gesamte Strecke und predigte dabei die Botschaft. Die Wahrheit, die mir von den Göttern übermittelt worden war und ich als ihr Sohn, als Christus, hatte die Aufgabe, sie an die Leute heranzutragen. Ich war vollkommen übermüdet und in meinem Kopf herrschte eine Anarchie an Gedanken, Zeichen, Symbolen und Botschaften, die ich durchgehend empfing.

Mein Inneres spiegelte sich mittlerweile nach außen. Die langen, zerzausten Haare trug ich offen und mein Gesicht war gezeichnet von dunklen Schatten unter den müden Augen. Wer mich so kennt, wie ich jetzt bin, würde mich darin nicht wiedererkennen. Nun stand ich in der Mitte des Gangs und blickte in die stummen, verdutzten Gesichter der Passagiere.

 

Dann begann ich mit der Predigt: „Ich spreche zu euch Sündigern! Ihr habt euch Lucifer verschrieben. Ihr habt alles zerstört. Ihr habt auch euch zerstört. Versteht ihr es nicht? Alles ist Eins: Ihr seid Mutter und Vater. Ihr seid auch alle Kinder von Mutter und Vater. Der Kreislauf schließt sich und wird Eins. Aber Nein, ihr bringt eure Brüder und Schwestern um, Menschen in anderen Ländern und auch hier. Versteht endlich, dass ihr miteinander verbunden seid! Wenn ihr Brüder und Schwestern tötet, dann tötet ihr euch selbst. Dann habt ihr euch dem Tod verschrieben.“

Während ich sprach, war meine Stimme vollkommen verändert. Sie hatte auf einmal einen düsteren, dunklen Klang. Ich sprach die Worte sehr deutlich und abgehackt, meine Stimme hatte etwas Kratziges Rauchiges, das vorher nie da gewesen ist. Das meinte ich am Anfang, als ich sagte, dass meine Seele gespalten ist. Auf der einen Seite bin ich ein friedlicher, aufgeschlossener junger Mann, der Musik und tiefgründige Gespräche mag. Und auf der anderen Seite, diejenige die in dem Moment die Kontrolle über mich hatte: Ein Mensch mit einem erweitertem Bewusstsein, jemand mit einer Gabe und einer Aufgabe, ein Prophet. Meine zweite Persönlichkeit war Christus.

 

Der Typ von Nebenan und Jesus Christus in einem Körper verbunden.

 

Einige Passagiere beschimpften mich und riefen mir zu, ich solle mich hinsetzen oder aussteigen, doch ich ließ mich von ihnen nicht beirren. Das zeigte mir nur, dass sie es immer noch nicht kapierten. Nach ein paar Minuten steuerte ein Bahnkontrolleur auf mich zu und sprach mich darauf an, was ich hier eigentlich täte und dass ich das sofort unterlassen solle. Aber auch er konnte mich nicht abhalten. Er gab dem Fahrer des Waggons über Funk Bescheid, dass sie die Polizei rufen werden, doch ich ignorierte ihn.

Es wirkte, als wäre ich besessen. Und ich war es auch. Ich war besessen von der Vorstellung, meine Aufgabe, nein, meine Pflicht zu erfüllen und die Menschen aufzuklären. Also fuhr ich fort: „Mit all den Autos, Maschinen und der Wissenschaft, habt ihr die Erde unser Zuhause zerstört. Mit der Natur habt ihr euch selbst und alles um euch herum zerstört. Es reicht! Nie wieder werdet ihr sündigen. Nie wieder. Jetzt beginnt eine neue Ära, ein neuer Glaube. Sagt Amen!“

 

Mit einem tiefen, durchdringenden Blick sah ich den Leuten in die Augen und wiederholte den gleichen Satz: „Nie wieder werdet ihr sündigen.“ Es war eine Drohung, ein Versprechen, aber auch ein Ausspruch der Hoffnung. Es war die Hoffnung auf Besserung und ein Leben im Einklang mit der Natur.

Doch die Menschen waren nicht bereit dafür. Sie müssten es selbst gespürt und durchlebt haben, um ihre Augen dafür öffnen zu können. Meine Worte prallten an ihrer Ignoranz ab, einige hatten sogar Angst vor mir. Für die meisten war ich einfach ein unberechenbarer Typ, der etwas von Sünde und Christus schwafelte. Der Bahnkontrolleur unterbrach mich ständig und zwang mich mit ihm auszusteigen. Die Polizei holte mich an der nächsten Haltestelle ab und brachte mich ohne Umwege in die Psychiatrie.

Caspar - der rote Drache
Caspar - der rote Drache

3. Das Ende in Sicht

 

In der Klinik wurde es richtig verrückt. Ich wurde in eine geschlossene Station eingewiesen und sie verabreichten mir immer wieder Spritzen. Doch auch die Medikamente, die ich nur unter Zwang einnahm, konnten mein Hirn nicht ruhigstellen. Trotz der bedrückenden Umgebung befand ich mich in Zuständen purer Ekstase. Ich hatte weiterhin Halluzinationen und Erleuchtungen wie das Paradies aussehen würde. Als Jesus Christus sah ich das Paradies vor Augen, ich spürte es. Doch niemand wollte meinen Erzählungen Glauben schenken.

 

Am Tag der heiligen drei Könige, wurden gleichzeitig drei neue Patienten eingewiesen. Sie stellten sich mir als Caspar, Melchior und Balthasar vor. Sie waren für mich die heiligen drei Könige, die zu mir kamen, um mir Geschenke und ihre Botschaft zu übergeben. Caspar schenkte mir Schokolade, Balthasar brachte mir Honig und Melchior sprach mich von Beginn an, mit Jesus an.

In Wirklichkeit waren es einfach drei Typen, die zufällig am gleichen Tag eingewiesen wurden und sich einen Spaß daraus gemacht haben, mich auf einen Trip zu schicken. So verhielt es sich mit allen, denen ich während meiner Odyssee begegnete. Denn es gab sie alle.

Es waren keine Stimmen oder Halluzinationen. Es waren reale Menschen, die mich in meinem Zustand verschickt haben und mir Sachen einredeten, die es nicht gab. Ob sie es nun aus Spaß gemacht haben, oder wie Peta, um mich auszunutzen und abzuziehen, es war einfach eine miese Aktion. Doch das sollte sich während meines Psychiatrie Aufenthaltes noch zuspitzen.

 

 

Caspar erzählte mir er käme aus Allahs Reich im Olymp und sei der rote Drache. Melchior sagte wiederum er sei der Weihnachtsmann. Auch die Pfleger bekamen unsere Gespräche mit und hörten was sie mir einredeten. Doch sie schritten nicht ein, denn manche von ihnen hatten Angst vor mir und andere waren selbst komplett verschickt von meinem Trip. Sie hielten sich lieber fern von mir. Aber ich war wechselhaft. Manchmal malte ich den ganzen Tag friedlich in meinem Zimmer. Und an anderen Tagen, rannte ich nackt durch die Station und tanzte dabei wild herum.
Einmal saßen wir im Speisesaal, da krächzte Melchior, der Weihnachtsmann, laut herum und machte Vogelgeräusche. Gemeinsam lachten und krächzten wir und schrien aus vollem Hals „Utopia! Utopia!“.

Ehe ich mich versah, kamen die Pfleger angerannt, fesselten mich mit einer fünf-Punkt Fixierung ans Bett und gaben mir Spritzen. Fünf-Punkt Fixierung bedeutet, jeweils eine Schlinge um jedes Handgelenk, beide Fußknöchel und den Kopf.

Vollkommen bewegungsunfähig und vollgepumpt mit Medikamenten, um mich ruhig zu stellen. Ich hatte Angst vor ihnen, denn in meiner Vorstellung waren die Pfleger Teufel, die mich mit ihren Spritzen umbringen wollten. Dummerweise brachte es nur für den Moment etwas. Mein Verstand war losgelöst von jeglicher Vernunft. Mein Bewusstsein verließ alles Menschenmögliche und ich verlor mich weiterhin in den Welten meiner Wahrnehmung.

Flagge des Stamms Mandalas
Flagge des Stamms Mandalas

In meiner Realität habe ich mich zum Gott Mandala weiterentwickelt.
Ich war der Gott, der Frieden in diese Welt gebracht hat und das Paradies ermöglichte. Dank meines Schaffens lebten die Menschen nun alle in Liebe und Einklang.

In Massen standen sie um den Psychiatrie Garten herum und sahen mir zu. Sie feierten in purer Ekstase und waren alle auf einer Wellenlänge der Liebe. Sie gehörten zum Stamm Mandalas, zu einer Vereinigung leuchtender und prächtiger Farben des Friedens und der Utopie. Ich war den Göttern dankbar und überglücklich, dass die Welt nun befreit war von allem Bösen und die Menschen in Liebe und Gleichberechtigung lebten. Denn alles was ich mir wünschte, war dass die von Menschen regierte, materielle Welt überwunden wird und das Paradies mit seiner grenzenlosen Freiheit niemals aufhören würde.
Ich dachte ich hätte die Kraft, mittels meiner Gedanken, die Natur weiterzuentwickeln und das Schicksal so zu fügen, dass es LSD regnen würde. Zudem hörte ich immer wieder Zeichen in der Musik, die mir Botschaften übermitteln sollten. Auch in den Fernsehnachrichten empfand ich es, als sprächen sie mich direkt an.


Ich sah in den Nachrichten, dass in der Welt weiterhin großes Leid existierte. Überall erschreckende Schlagzeilen, Hunger, Leid und Schmerz. Langsam erkannte ich, dass ich nicht das Paradies auf die Erde gebracht hatte. Ich nahm die Katastrophen in der Welt sehr persönlich, weil ich doch Gott war, der das alles hätte verhindern müssen. Letzten Endes gab ich mir selbst die Schuld daran und meine Stimmung wurde sehr düster. Ich weinte jeden Tag und spürte den Schmerz, der noch immer diese Welt heimsuchte. Da ich mir die Schuld an allem Bösen gab, fühlte ich mich sehr betroffen.

All meine Liebe, Traurigkeit und Mitgefühl überfluteten mich mit einer Wucht, die ich nicht einmal erklären kann. Es war, als würde dein Geist den Körper verlassen und sich in der gesamten Atmosphäre ausbreiten. Du nimmst jedes Gefühl, das auf dieser Erde entsteht, in dir auf und fühlst mit. Dein Herz und deine Seele sind mit allem verbunden. Das Bewusstsein nimmt nicht mehr nur deine eigene Umgebung und Realität wahr, sondern gleichzeitig auch jede andere. Nach Tagen der tiefen Depression, kam ich in die Isolationszelle. Ein, von der Pflege durchgehend überbewachtes Einzelzimmer, in dem ich versuchte, Buße zu tun für meine Schuld. Eine Stimme sagte mir wie ich es doch noch verhindern könnte, dass die Welt untergeht.

Sie befahl mir zu fasten und nackt zu beten und zu meditieren. Drei Tage durfte ich weder essen, noch schlafen und außer meinen eigenen Urin, nicht trinken. Ich zogs durch und hielt mich daran, immer mit der Hoffnung das Böse abwenden zu können. Allein in Isolation, kniete ich nackt auf dem Boden und betete immer das gleiche Gebet. Selbst dem Befehl, dass ich meinen Urin trinken soll, ging ich nach. Nach diesen drei Tagen war ich völlig am Ende.

 

Auch in dieser Zeit bekam ich weiterhin regelmäßig Spritzen. Ich bekam sie nur deswegen, weil ich mich vorher weigerte die Medikamente zu nehmen. Somit musste ich in Form dieser Spritzen dazu gezwungen werden. Nachdem ein Engel mir sagte, dass ich meine Medikamente nehmen soll und die Pfleger mir nichts Böses wollen, beruhigte ich mich.
Ich war so am Ende, dass ich eine komplette Woche durchschlief. In dieser Zeit habe ich nicht einmal gegessen, weil ich so fertig war. Überlastet war gar kein Ausdruck mehr.

 

Mein Gehirn war zerlegt, zerfetzt und ausgekotzt. So fühlte es sich zumindest an.

 

Aber ich kam endlich zur Ruhe und das tat mir gut. Ich fand wieder zu mir und hatte die Erholung, die ich nach den vergangenen Monaten dringend brauchte. Zwar hatte ich noch einen Jahresbeschluss, aber meine Odyssee hatte endlich ein Ende gefunden.

 

 

   4. Rückkehr zur Normalität

 

 

Wahrscheinlich habt ihr, nachdem ihr die Geschichte gelesen habt, mehr Fragen als Antworten. Und das ist auch gut so. Meine Erfahrung ist einzigartig und auf jeden Fall fragwürdig, aber vielleicht tut euch so ein Einblick in eine andere Realität ganz gut. Vielleicht regt er zum Nachdenken an, was Realität überhaupt ist. Wie man sehen kann, ein Konstrukt. Denn zu dieser Zeit war es Realität, es war meine.

 

Ein chaotischer Dopamin Überschuss im Gehirn ist Auslöser für das paranoide Wahrnehmen von Botschaften und Zeichen. Um es runter zu brechen, Dopamin ist im Gehirn unter anderem dafür zuständig, Signale zu senden, wenn etwas Aufmerksamkeit bedarf oder wichtig ist. Bei einem Überschuss kommt es einem vor, als sei alles wichtig oder bemerkenswert und man beginnt Antworten zu suchen, auf diese Reaktion im Gehirn. Sobald man anfängt sich diese Antworten zu geben, kann schnell ein Wahn entstehen. Ich habe sehr lange gebraucht, um mich von meinem Wahn zu erholen, aber mithilfe von Therapie und Medikation war es für mich möglich, wieder in den Normalzustand zurückzukehren.

Es fällt mir manchmal schwer Gedanken und Gefühle einzuordnen, denn mich nehmen Leid und Schmerz auf der Welt immer noch sehr mit. Auch die fortschreitende Zerstörung der Natur bereitet mir Kummer, doch Gebet und Meditation helfen mir dabei, die Traurigkeit zu verarbeiten. Ich bin weiterhin ein spiritueller Mensch und auch noch sehr kreativ im Malen und in der Musik.
Alles in allem bin ich ein lässiger, kreativer, etwas schräger junger Typ, der überlegt sein Abitur nachzuholen und das Gleiche vom Leben erwartet wie alle anderen in meinem Alter. Der einzige Unterschied ist, ich habe etwas mehr von dieser Welt gesehen als die meisten.

 

Wenn man es so betrachtet, ist es doch eine Erfahrung wert gewesen, oder?