Das Kirchenschauspiel.

Es ist ein sonniger Tag, der Frühling neigt sich dem Ende zu und wird immer mehr von sommerlicher Wärme erobert. Ich stehe vor dem Spiegel und ziehe mir die Sonntagsschuhe an, während meine Oma ein letztes Mal meine Frisur überprüft. Sie hat mir einen strengen Zopf geflochten, der meine langen blonden Haare hinter meinem Rücken versteckt. Mein Spiegelbild betrachtend, achte ich peinlich genau darauf, ob meine Kleidung richtig gebügelt ist. Die weiße Bluse in Kombination mit einem knietiefen hellblauen Rock, lassen mich adrett und ordentlich aussehen. Das passt, so kann ich gehen.

Für den letzten Schliff, sprüht meine Oma ihre Frisur noch mit Haarspray ein, der beißende Gestank vertreibt ich aus dem Flur nach draußen ins Auto. Viertel vor 11 stehen wir rechtzeitig am großen Tor und meine Oma begrüßt ein paar Bekannte, bevor wir reingehen. Die Glocken läuten die Messe ein und fordern dazu auf, sich in die Kirchenhalle zu begeben.

 

Ich nehme noch die letzten Sonnenstrahlen in mir auf, bevor wir mit den Versammelten in die Kirche strömen. Vergleichsweise zu draußen ist es sehr düster. Meine Augen müssen sich erst an die abrupte Dunkelheit gewöhnen, bevor ich meine Umgebung richtig erkennen kann.

Das helle Sonnenlicht von eben wird durch die Spiegelung der bunten Mosaikfenster lediglich angedeutet. Die wenigen, ungünstig platzierten Deckenleuchten strahlen die Sitzbänke mit gelbem Licht an.

Mich fröstelt es bereits beim Eintreten und sofort steigt mir der gewohnte Geruch von Myrrhe, Weihrauch und billigem Parfum in die Nase. Im Vorübergehen dippt jeder seinen Zeigefinger in eine Schale mit kaltem Weihwasser und bekreuzigt sich damit. Ein Kreuz auf die Stirn, eines in der Mitte der Brust, eins rechts und eins links, bevor man einen kurzen Kniefall andeutet. Es gleicht einem Automatismus.

 

Die Kirchenhalle ist groß und verwinkelt, man kann nur bedingt um die Ecke sehen. Dennoch sind alle Sitzplätze zum Altar hin ausgerichtet. Die Anwesenden richten ihren Blick stur nach vorn, orientieren sich nach der Bühne des Gottesdienstes. Lediglich ein paar Kinder laufen herum und nutzen die freien Flächen zum Spielen, oder sehen sich neugierig um.  

Vorangetrieben vom Rhythmus der Glocken, verteilen sich immer mehr Menschen auf die breiten, knarzenden Holzbänke. Es sind hart umkämpfte Plätze. Zufrieden quetsche ich mich zwischen meine Oma und meinen kleinen Bruder in die dritte Reihe.

Zwei Frauen vor uns reichen uns Gesangsbücher nach hinten und unterhalten sich kurz mit meiner Oma. Man kennt sich. Voller Stolz erzählt sie, dass wir ihre Enkel sind und die alten Damen begutachten uns mit freundlichen Blicken. Während sie reden erwischt mich ein Schwall von Mundgeruch und Alt-Oma-Parfum. Ich bemühe mich nicht das Gesicht zu verziehen und anhand des Gesichtsausdrucks meines Bruders erkenne ich, dass er das gleiche fühlt.

Jetzt setzt die Orgel ein und stimmt zum ersten Lied an. Wild blättere ich im Gesangsbuch herum, meine Oma braucht es nicht, sie kennt den Text auswendig. Während ich noch suche, stimmen alle in die schweren, langgezogenen Töne der Orgel ein. Am Altar gehen die Lichter an und bestrahlen das große goldene Kreuz mit der Jesusfigur.

Wie in einem Theaterstück, in dem der Vorhang aufgeht, sitzt das Publikum zur Bühne gedreht und wartet gebannt auf den Beginn des Schauspiels. Drei Jungen in weißen Gewändern betreten mit großen Kerzen in der Hand, den Raum. Es folgt der Auftritt des Pfarrers, der beim Reinkommen demütigt auf den Boden sieht, bevor er einen Kniefall andeutet und seine Utensilien auf dem Tisch platziert.

Alle erheben sich, die Bänke knarzen und die Stimmen werden lauter. Ich versuche beim Gesang mitzukommen, allerdings verstehe ich die Worte nicht. Das macht es mir schwer herauszufinden an welcher Stelle wir uns befinden. Die Kirchenglocken läuten ein letztes Mal, bevor alle Anwesenden auf die Knie gehen.

 

Noch bevor die Messe richtig beginnt, bin ich in meinen Gedanken abgeschweift. Ich sehe zu meinem Bruder rüber, er strengt sich an die Augen offen zu halten, aber sein Kopf kippt immer wieder vornüber. Sogar den Ministranten steht die Langeweile ins Gesicht geschrieben. Ich sehe den Menschen zu, wie sie unauffällig ihre Blicke über die anderen Leute schweifen lassen. Sie singen auswendig gelernte Lieder mit und sprechen gemeinsam Gebete. Die Damen sind in Kostüme oder elegante Blusen gekleidet, die Herren dazu tragen ein Hemd und Jeans oder Anzughose. Jeder hat sich schick gemacht und adrett angezogen. Es wirkt auf mich wie eine Verkleidung.

Immer wieder müssen wir aufstehen, Gebete sprechen, uns wieder hinsetzen oder auf den harten abgenutzten Bänken knien. Da es alle im Gleichtakt tun, muss man sich nicht sonderlich konzentrieren. Mein Bruder schafft das sogar im Halbschlaf.

Die Messe ist bereits fortgeschritten, anwesende Kinder werden zunehmend unruhiger. Kleinkinder versuchen sich mit Spielen abzulenken, bis sie von ihren Eltern streng zurechtgewiesen werden. Immer wieder hört man Babys weinen und das „Pscht!“ der Mütter, bevor sie mit ihnen für ein paar Minuten nach draußen gehen. Das Klackern ihrer Absätze hallt durch die gesamte Kirche und einige Neugierige drehen sich danach um. Es ist ein Ort der Stille, an dem man jedes Geräusch wahrnimmt, das nicht zum Programm gehört. Die Worte in der Predigt, scheinen trotzdem unterzugehen.

 

Ich mag es den Blick umherschweifen zu lassen, bis etwas mein Interesse erweckt. Eine lange Bilderreihe hat es mir besonders angetan. Sie hängen akkurat neben einander und zieren die hohen Wände. Sie alle zeigen den Leidensweg Christi, in der richtigen Reihenfolge. In dunklen Farben spiegeln sie dramatische Szenen aus der Bibel wider. Selbst von Weitem erkennt man den ausgehungerten Jesus Christus, mit dem schweren hölzernen Kreuz auf seinen Schultern. Sein Blick vermittelt sein unsagbares Leid.

Die Dornenkrone auf seinem Kopf, verschmiert das Schmerz verzerrte Gesicht mit Blut. Sein geschwächter Körper wirkt dürr und verletzt durch Peitschenhiebe der Römer. Dabei muss ich an die Worte meiner Oma denken. Sie sagt, dass Jesus für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist. Dafür müssen wir ihm Demut entgegenbringen und ihn bitten uns von unserer Schuld zu befreien. Durch die Beichte unserer Sünden, können wir Wiedergutmachung leisten. Ich bin eine brave Katholikin, ich hinterfrage das nicht. Dennoch ist es ein trauriges Motiv für die Dekoration an einem angeblichen Ort der Hoffnung, denke ich mir, bevor ich meine Aufmerksamkeit der Innenarchitektur widme.

Das unförmige Dach wird von hohen, dicken Säulen getragen, die im Gegensatz zur trostlosen Einrichtung des Saals, viele Schmuckornamente aufweisen und in schönen Farben bemalt sind. Die pompösen Deckengemälde zeigen Himmelsbilder und Symbole in den prächtigsten Farbtönen, umrandet von liebevoll platzierten, goldenen Details. Immerhin ist der obere Teil der Kirche schön und einladend.

 

Auf einmal stehen alle von ihren Plätzen auf und richten sich zum Gang aus. Scheinbar hatte ich mich so in meinen Gedanken verloren, dass ich die halbe Messe verpasst habe. Gott sei Dank. Wie eine Herde träger Schafe, bewegen sich die Gläubigen in einer Reihe auf den Altar zu und blöken gemeinsam zu einer schiefen, schweren Melodie. Alle bewegen sich im Gleichschritt in dieselbe Richtung.

Die Damen finden nun endlich einen Anlass, um sich noch offensichtlicher gegenseitig zu begutachten und nicken sich scheinheilig zu. Auch wir gehen mit gefalteten Händen nach Vorn und bekommen der Reihe nach, vom Pfarrer eine Segnung und eine Oblade auf die Zunge gelegt. Es ist der Leib Christi, sagen sie. Danach macht man kehrt und marschiert im gleichen Schritttempo wieder zurück an seinen Platz. Dort kniet man nieder und spricht ein vorgefertigtes Gebet für sich allein. Ich bewege nur die Lippen, denn ich kenne den Text nicht, möchte meiner Oma aber keine Schande machen. „Amen."

Alte Frauen stützen sich mit wackeligen Beinen auf ihre Krücken. Ihre Gebrechen halten sie nicht davon ab, es den anderen gleich zu tun und knieend zu Boden zu sinken. Demütig senken sie ihre Köpfe und murmeln vor sich hin. Glaube bewirkt Wunder.

 

Nun fordert der Pfarrer dazu auf sich wieder hinzusetzen. Er allein bestimmt den Ablauf und den Inhalt der Messe. Es ist ein einstudiertes Spiel, das jeden Sonntag zur gleichen Zeit, am gleichen Ort stattfindet. Routine und Tradition lassen keinen Spielraum für Veränderungen. So war es immer und so sei es heute. „Amen.“

 

In einer Art Sing-Sang spricht er langgezogene, unverständliche Worte in das kleine Mikrofon. Die Masse reagiert mit einem lauten gleichstimmigen „Ameeen“. Jetzt spricht er in seiner normalen Stimmlage und bittet um die Befreiung von unseren Sünden. Wir sollen dafür beten, dass Jesus sich erbarmt und uns Sündigern vergibt. Ich versuche mir in Erinnerung zu rufen, was meine Sünden sind, für die ich um Verzeihung bitte, doch noch bevor ich zu einer Antwort komme, werden meine Gedanken unterbrochen: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

Unterstützend liest er Verse aus der Bibel vor. Außer ein paar Wortfetzen, verstehe ich den Inhalt nicht. Doch viele senken ihren Kopf und gucken betroffen auf den Boden, also tue ich es ihnen gleich. „Amen“. Erneut stimmt er in genuscheltem Sing-Sang ein Lied an und lässt dabei die Kollekte herumreichen. Während der kleine geflochtene Korb durch die Bänke gereicht wird, spricht der Pfarrer weiter in sein Mikrofon. Es ähnelt einem Mantra, in dem er das bereits Gesagte ständig wiederholt. Ich erkenne keinen Zusammenhang zu dem, was ich eben noch glaubte gehört zu haben. Langsam frage ich mich, ob ich die Einzige bin, die nicht so richtig versteht, was er eigentlich predigt.

Beim längeren Betrachten mancher Leute, erkennt man, dass ihre Aufmerksamkeit mehr bei den anderen Kirchgängern liegt als an der Messe an sich. Ein einziges Sehen und gesehen werden, denke ich mir und schnaube kopfschüttelnd auf.

 

Sie sind hier, um ihr Gewissen zu beruhigen, stets in der Hoffnung sich am Ende einen braven Christen, oder Christin nennen zu können, ohne jegliche Reflexion. „Amen.“

 

Als die Kollekte in unserer Reihe ankommt, fallen mir die verstohlenen Blicke der anderen auf. Meine Oma drückt sowohl mir als auch meinem Bruder Münzen in die Hand, damit auch wir etwas dazugeben. Sie gucken, als würden sie überprüfen oder vergleichen wer wie viel spendet. Viele geben sich großzügiger, als man sie persönlich kennt.

Ein letztes Gebet wird gesprochen. Meine Oma fordert mich versteckt dazu auf, meinen Bruder aufzuwecken, damit wir uns ordentlich neben sie stellen und die Hände zum Gebet falten. Ihm fallen ständig die Augen zu und ich habe noch nie mit so offenen Augen am Gottesdienst teilgenommen, denke ich mir und muss ein wenig schmunzeln.

Die ersten Zeilen kenne ich und spreche sie laut und deutlich mit. Zur Mitte hin weiß ich nicht weiter und versuche mich an den anderen zu orientieren, doch es klingt nur nach einem lauten unverständlichen Stimmengewirr. Die Orgel spielt wieder langgezogene, unmelodische Töne bevor der Pfarrer einen Kniefall andeutet, sich bekreuzigt und sich gemeinsam mit den verträumten Ministranten zurückzieht. Auch wir richten uns reihenweise zum Gang aus und werden von der Herde Richtung Ausgang geschoben. Vor dem Verlassen der Kirche, drehen wir uns ein letztes Mal um, machen einen kurzen Kniefall und bekreuzigen uns. Angetrieben vom Sing-Sang der Masse drängle ich mich nach draußen auf den großen Kirchplatz.

 

Die hellen Sonnenstrahlen blenden meine Augen. Ich muss einige Male blinzeln, bevor ich den weitläufigen Marktplatz erkenne. Der Himmel ist unverändert hellblau und durch die Sonne wird mir wieder wärmer. Die Frühlingsluft erscheint mir auf einmal so frisch und klar. Auch mein Bruder scheint erst jetzt wieder so richtig aufzuwachen. Bei dem ganzen Trubel ging meine Oma verloren.

Ich drehe mich im Kreis und lasse meinen Blick über den großen runden Platz schweifen, um sie ausfindig zu machen. Es kommt mir alles so weitläufig vor und ich bin froh nicht mehr die ganze Zeit in eine Richtung starren zu müssen. Menschen die sich angeregt unterhalten stehen im Weg herum. In kleinen Gruppierungen schnattern sie wie Gänse und sprechen mit viel zu überdrehter Stimme davon, dass sie sich freuen sich zu sehen.

 

Als wir sie endlich gefunden haben, mussten wir noch eine Weile daneben stehen, während sie sich unterhält. Wieder nicken wir Fremden zu, die sich darüber freuen, dass wir so nette und fromme Enkel sind. Sie fragen uns, welcher Teil der Predigt uns am Besten gefallen hat. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und sehe hilfesuchend meinen Bruder an. Dieser steigt direkt ein und hat sofort eine Antwort parat. Meiner Oma scheint die Improvisation nicht aufgefallen zu sein, stolz sieht sie ihre Bekannten an. Auch die Damen geben sich mit der Antwort zufrieden und sagen sie hätten den Teil auch ganz toll gefunden.

 

Wir machen einen Schritt zur Seite und sehen uns kopfschüttelnd an. Dann sage ich mehr zu mir selbst als zu ihm: „Halleluja, was war das denn?“.