Mein verfluchtes erstes Mal.


Liebes Tagebuch,

seit kurzem hab ich einen BH! Mama war vor einer Woche mit mir bei H&M und wir haben ein paar Klamotten gekauft. Sie meinte ich sollte langsam anfangen einen BH zu tragen. Das ist echt mega cool. In meiner Klasse haben schon drei Mädels einen und ich habs satt diese Kinder Unterhemden zu tragen. Ich bin ernsthaft kein Kind mehr. Ja gut, meine Periode hab ich noch nicht aber das kommt bestimmt bald! Hab irgendwie Angst davor, glaub auch dass das eklig ist. Naja ansonsten ist alles cool zur Zeit. Julian steht glaub ich auf mich :p Irgendwie ist er süß, aber halt soooo unreif. Kein Plan was das wird, der glotzt mich im Unterricht die ganze Zeit an. Morgen zieh ich ein enges T-Shirt an, vielleicht sieht er ja dann, dass ich schon eine Frau bin und nichts von so einem Kindskopf will…

 

Liebes Tagebuch,

Ich weiß, dass ich schon länger nicht mehr geschrieben habe. Wusste nicht so richtig wie oder was ich schreiben sollte. Mittlerweile gibt’s aber Neuigkeiten: Bin keine Jungfrau mehr!

Keine Ahnung, wie soll ich anfangen... Ich war duschen und hab dabei voll laut Musik gehört. Auf einmal kam Steffen ins Badezimmer (Mamas dummer Freund). Ich hab mich voll erschrocken und er stand einfach nur da und hat mich angestarrt. Glaube der war besoffen (so wie immer?!?!). Mama ist ja dienstags abends immer nicht zu Hause, weil sie da ins Fitnessstudio zu ihrem komischen Kurs geht. Naja, jedenfalls meinte er, ich soll mich nicht schämen, wir sind ja ne Familie und da ist es okay sich nackt zu sehen. Man soll keine Geheimnisse haben.

Er hat sich ausgezogen und die Musik noch lauter gedreht. Ich hab das erste Mal nen Pimmel gesehen! Also, so in echt und nicht nur irgendwie auf Bildern aus dem Internet. Der war total groß und komisch. Er kam zu mir unter die Dusche und zuerst war er einfach nur neben mir gestanden. Dann meinte er ich soll mich richtig waschen und meine Finger immer zu bei mir unten reinstecken. Sein Pimmel ist noch größer geworden und dann sollte ich ihn anfassen.

Der war hart und da war voll viel Haut.

Irgendwann meinte Steffen ich soll mich runter knien und ihn küssen. Ich fand das echt eklig und wollte das nicht. Er wurde richtig sauer und hat mich runter gedrückt, also hab ichs gemacht. Als ich ihn geküsst habe, hat er die ganze Zeit meinen Kopf gestreichelt und gemeint ich kann doch mit ihm üben, damit ich das besser kann, wenn ich mal in nen Jungen verknallt bin.

Er hat voll laut geatmet und mich an den Haaren gezogen, so dass es weh getan hat! Naja und dann...keine Ahnung wie ich das sagen soll. Ich musste mich nach vorne beugen und er hat mir sein Ding reingesteckt. Das waren echt Schmerzen, ich hab auch ein bisschen geweint und in die Dusche geblutet.

Steffen meinte, das ist normal und ich soll mir wegen dem Blut keine Sorgen machen. Eigentlich wollte ich schreien, weil er mir ne scheiß Angst gemacht hat, aber ich konnte gar nix sagen.

 

Ich war echt wie gelähmt, hab die ganze Zeit nur gezittert.

 

Er wurde mega komisch, hat sich die ganze Zeit an mir gerieben und meine Haare festgehalten. Sogar wenn ichs versucht hätte, wäre ich da nicht raus gekommen.

Es war echt ein scheiß Gefühl! Irgendwann ist er aus der Dusche raus und meinte zu mir ich soll mich sauber machen und ins Bett gehen. Er hat einfach nichts weiter dazu gesagt und ist gegangen. Jetzt lieg ich grad im Bett. Mama ist mittlerweile heimgekommen, sie liegt mit Steffen auf der Couch und trinkt Wein und gucken nen Film. Es ist alles so wie immer.

Keine Ahnung was ich jetzt machen soll, deswegen lieg ich hier und schreibe das alles auf.

Das war also mein erstes Mal. Sex ist echt ekliger als ich dachte.

 

 


Umgang mit dem Trauma

 

Ich bin eine von vielen, deren Schreie verstummt sind. Es mussten sieben lange Jahre vergehen, bis ich mich innerhalb einer Psychotherapie endlich getraut habe auszusprechen, dass etwas passiert ist. Über konkrete Details spreche ich immer noch nicht. Daher seht die Geschichte als Eindruck oder Konfrontation, aber ich distanziere mich absichtlich vom Inhalt, da es mir sonst zu nahe gehen würde. Kurz: In dieser Geschichte geht es weder um mich noch um meine Erlebnisse.

Selbst in meinem Tagebuch hatten diese Erinnerungen schlichtweg keinen Platz. Sie wurden nie erwähnt oder aufgeschrieben. Hätte ich sie verschriftlicht, wäre es umso realer geworden. Ich wollte vermeiden, mich überhaupt daran erinnern zu können.

 

 

Warum erzähle ich eine so persönliche Geschichte, so öffentlich?

 

Im Laufe der Jahre habe ich einige Menschen kennen gelernt, die davon gesprochen haben, sie hätten ein Trauma. Erst als ich den Schritt gewagt habe und den Missbrauch an mir angesprochen habe, bemerkte ich eine Art Erleichterung in ihrem Gesichtsausdruck und sie haben sich mir gegenüber geöffnet. Oft wirkte es auf mich, als wollten sie mehr dazu sagen, als wollte ein Teil in ihnen die Wahrheit herausschreien. Aber eine Blockade, Hemmung, vielleicht auch Angst stand ihnen im Weg, genauso wie ich sie in mir habe.

 

Es ist ein Leben mit einem dunklen, in dir schlummernden, schwarzen Loch. Ein feuerspeiendes Monster, das du nicht wecken darfst.

 

Wieso hat das niemand mitbekommen? Im Teenager Alter entwickelt man seine Persönlichkeit, Sexualität und sein Selbstgefühl. Mein Start in diese Entwicklungsphase begann nicht bei null, sondern im fetten Minusbereich. Meine persönliche Gehirnwäsche: ich kann nichts, ich bin nichts, aus mir wird nichts.

Mir wurde eingeredet, dass mir sowieso niemand glauben würde, dass ich die Familie kaputt machen würde. Ich habe es geglaubt. Nicht etwa, weil ich alles was er gesagt hat sinnvoll fand. Sondern weil meine größte Angst war, dass ich es jemandem erzähle und keine Reaktion folgen würde. Es schlichtweg niemanden interessieren würde.

Mittlerweile habe ich es in meiner Familie zum Thema gemacht. Ich habe es ausgesprochen und insbesondere die Reaktionen und der Umgang damit seitens meiner Familie, haben mir sehr weitergeholfen in meiner persönlichen Weiterentwicklung.

Darüber zu sprechen hat mir geholfen alten Groll zu verarbeiten und Ängste zu überwinden. Natürlich ist es immer noch da. Es wird nie weg gehen und die Probleme die daraus entstanden sind, werden mich ein Leben lang begleiten. Aber es ist okay, weil ich einige wichtige Dinge dazugelernt und den Schrecken davor verloren habe.

 

Denn nicht ich, sondern der Täter sollte sich dafür schämen. Nicht ich, sondern er ist schuld. Nicht ich, sondern er sollte an der Erinnerung ersticken. Nicht ich, sondern er sollte für den Rest seines Lebens darunter leiden.

 

Ich bin bereit, mich als Betroffene mit dem Thema Kindesmissbrauch in die Öffentlichkeit zu stellen, denn es ist kein Tabuthema. Nur wenn es Tabu ist, bleiben ungerechtfertigte Schuld- und Schamgefühle bestehen und die Schreie verstummen.