Klassenkampf.

Heute gibt es Nudelauflauf zum Abendessen, jeder stochert stumm in seinem Teller rum und versucht das peinliche Schweigen auszuhalten, außer meiner Mutter bemüht sich niemand um Small talk. Letztendlich lässt sich mein Vater doch dazu breitschlagen von seinem Tag in der Arbeit zu erzählen, ohne uns dabei anzusehen murmelt er vor sich hin und scheint zufrieden damit seinen Teil zur abendlichen Konservation beigetragen zu haben. Jetzt bin ich an der Reihe etwas zu sagen, ich wiederhole mich jeden Abend aufs Neue und erzähle, dass der Tag okay war und ich ansonsten nicht drüber reden möchte. Meine Eltern akzeptieren diese Entscheidung und das Schweigen geht weiter, bis jeder aufgegessen hat und sich in sein Zimmer zurückzieht. Meine Eltern schlafen schon lang nicht mehr zusammen im Schlafzimmer, anfangs nur wenn sie Streit hatten, mittlerweile wirkt es, als hätten sie sich zu wenig zu sagen, um überhaupt noch zu streiten. Die Stimmung zu Hause ist seitdem bedrückend.

 

Heute Abend gibt es Lachs mit Kartoffeln, das enttäuscht mich schwer, ich mag weder Fisch noch Kartoffeln, deshalb sitze ich einfach nur da und starre meinen Teller an bis die obligatorische Familienzeit vorbei ist. Meiner Mutter fällt auf, dass ich heute angespannter bin als sonst und gibt sich nicht mit meiner üblichen „Mein Tag war okay“ Antwort zufrieden. Immer wieder fragt sie ob alles in Ordnung sei, ob etwas in der Schule vorgefallen ist, ob ich wieder eine schlechte Note bekommen habe oder ob ich Streit mit meinen Freunden hätte. Bei der letzten Frage schnaube ich auf, lache kurz und schüttle mit dem Kopf. Jetzt lässt sie erst recht nicht locker. Ihre tausend Fragen gehen mir auf die Nerven, jedes weitere Wort steigert die Anspannung in mir. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, sehe ihr in die Augen und sage, dass ich keine Freunde in der Schule habe, dass ich allgemein keine Freunde habe und sie mich mit dem Thema bitte in Ruhe lassen soll. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich, sie hat meine wässrigen Augen bemerkt und fragt mich nach dem Grund. Ey, mir platzt noch der Kragen, wieso kann diese Frau nicht einfach aufhören nach zu bohren?! Meine Wut über dieses Gespräch steigt mit jeder Sekunde, bis es einfach aus mir heraus platzt: „Keine Ahnung warum ich keine Freunde habe Mama, vielleicht weil meine Klasse nur aus Arschlöchern besteht, die nichts Besseres zu tun haben, als mich auszulachen und wie Dreck zu behandeln?! Vielleicht weil ich fett und hässlich bin? Vielleicht weil ich dumm und unnütz bin? Sag du es mir doch!“. Das Gespräch ist für heute beendet, mein Vater hat in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal den Blick von seinem Teller gewandt, meine Mutter schaut mich nur betroffen an.

 

Pünktlich um 19:30 Uhr sitzen wir wieder beisammen, wir haben Pizza bestellt. Beim Schneiden der Pizza fällt mir auf, dass meine Mutter ihren Ehering nicht mehr trägt, aber ich traue mich nicht das anzusprechen, geht mich wahrscheinlich auch nichts an. Aufgeregt erzählt sie, dass heute eine Klassenkameradin von mir mit ihrer Mutter bei ihr im Laden eingekauft haben und sie sich ein wenig unterhalten haben. Hanna sei ja ein ganz nettes, hübsches Mädchen, sie meint ich könne mich vielleicht mit ihr anfreunden. Trocken sag ich ihr, dass Hanna mir letzte Woche eine Binde auf den Rücken geklebt hat und dass sie und ihre Freundinnen im Unterricht ein Comic von mir gemalt haben. Eine hässliche Karikatur, in der mein Gesicht nur aus Pickeln besteht und sie mir den Penis abschneiden. Ihr Kunstwerk haben sie dann im Klassenzimmer an die Pinnwand gehängt und alle schafften es noch es abzufotografieren, bevor eine Lehrerin die Zeichnung weggeworfen hat. „Oh, so wirkte sie gar nicht auf mich, vielleicht war das gar nicht böse gemeint?“. Danke fürs Gespräch.

 

Heute essen wir Spaghetti Bolognese, mein Lieblingsgericht, scheinbar soll mich das aufheitern. Die Stimmung am Tisch ist noch beschissener als sonst. In unserer Befindlichkeitsrunde berichte ich davon was heute in der Schule los war. Ich erzähle, dass mein Mathelehrer mich abgefragt hat, weil er wusste, dass ich nicht gelernt habe und mich vor der ganzen Klasse für meine Faulheit und Dummheit bloßgestellt hat. Außerdem erzähle ich, dass mir Marc und Robert auf die Toilette gefolgt sind und mich in der Kabine eingesperrt haben. Als ich es dann kurz vor Ende der Pause geschafft habe rauszukommen, um weg zu laufen, sind sie mir hinterhergerannt, haben mich im Gang noch eingeholt und mir eine dreckige Klobürste ins Gesicht gehalten, sie wollten sie mir in den Mund stecken. Die halbe Schule hat es gesehen, ich wurde sogar von den 5. Klässlern ausgelacht und als Opfer beschimpft. Am Tisch betretenes Schweigen, ich dachte kurz mein Vater will etwas dazu sagen, aber er hat sich nur geräuspert.

 

Während ich den Tisch decke, versuche ich absichtlich laut mit den Tellern und dem Besteck zu klappern, um meinen Eltern zu signalisieren, dass ich im Zimmer nebenan bin. Sie streiten schon seit einer Stunde und schreien sich immer wieder gegenseitig an. Ich höre, wie die Haustür zufällt und meine Mutter kommt daraufhin allein in die Küche. Während ich schon esse, ist ihr Kopf in die Hände gestützt und sie starrt ihren noch leeren Teller an. Um die Stimmung etwas aufzulockern, frage ich vorsichtig ob alles in Ordnung ist und wie ihr Tag war. Mittlerweile gefällt es mir, mich abends mit meinen Eltern auszutauschen. Sie antwortet, dass alles gut ist, ihr Tag war okay und sie möchte nicht weiter darüber sprechen. Ich akzeptiere ihre Entscheidung und erzähle ihr von mir aus wie die Schule war. Meine Noten werden immer schlechter, es steht auf der Kippe ob ich dieses Jahr wiederholen muss. Außerdem gab es mal wieder einen Vorfall, Monika und Jessica haben Wasser über meine Hose geschüttet, sodass es so aussah als hätte ich mich eingepisst. Ich musste den Rest des Tages in der nassen Hose rumlaufen und habe mich in der Pause nicht getraut das Klassenzimmer zu verlassen. Eine Lehrerin war dabei, aber sie meinte ich solle mich nicht so anstellen, es sei doch nur Wasser. Meine Mama schüttelt nur mit dem Kopf und murmelt vor sich hin. Als ich sie gebeten habe deutlicher zu sprechen sieht sie mich fassungslos an und hebt dann ihre Stimme: „Denkst du etwa du bist der Einzige mit Problemen? Jeden Abend jammerst du uns damit voll, anstatt dich an eure Lehrer zu wenden. Was sollen wir denn bitte daran ändern, dass dir Streiche gespielt werden? Dein Vater und ich haben uns vorhin erst deswegen gestritten, wir lassen uns scheiden! DAS mein Lieber, sind Probleme!“. Stille. Weil wir beide Tränen in den Augen haben, sehen wir uns gegenseitig nicht an.

 

Heute Abend essen wir nicht zusammen, mein Vater ist seit gestern nicht mehr aufgetaucht, niemand weiß wo er sich seitdem aufhält. Jeder sitzt in seinem Zimmer, ich habe mir einen Ofenkäse gemacht, aber habe keinen Appetit. Der Tag war ziemlich scheiße, Timo der eine Jahrgangsstufe über mir ist, hat mir auf dem Pausenhof einen Basketball mit voller Kraft ins Gesicht geworfen, meine Nase hat sogar geblutet. Niemandem sind die blauen Flecken aufgefallen und das obwohl ich mir vorhin Tiefkühlerbsen aufs Gesicht gedrückt habe. Es fühlt sich an, als wäre ich unsichtbar für mein Umfeld, oder es interessiert einfach niemanden. Kann auch sein.

Wie immer, wenn ich traurig bin hole ich das kleine, schwarze Notizbuch unter der Matratze hervor und blättere durch meine Skizzen und Notizen. Viele dunkle Zeichnungen und kleine Comics sind in der letzten Zeit entstanden, einige davon sind sogar richtig gut. Also finde ich zumindest. Ich habe sie noch niemandem gezeigt, es hat aber auch keiner danach gefragt was ich in meiner Freizeit tue, also wem hätte ich sie zeigen sollen.

Ich überspringe die Seiten bis zur Letzten. Hier steht in schönem Blau Lebensliste und darunter zwei Namen. Einmal eine Nachbarin von uns, eine ältere, nette Dame, die mir jedes Mal Plätzchen bringt, wenn sie welche gebacken hat. Und als zweiten Punkt meine Oma, die vor einem halben Jahr verstorben ist. Ich habe es geliebt sie zu besuchen, wir haben immer grünen Tee mit Zitrone getrunken und uns über ihre Werke unterhalten. Sie hat noch bis ins hohe Alter gemalt, diese Frau hat mich inspiriert es auch zu versuchen. Durch die Nostalgie atme ich schwer ein, aber lasse beim Ausatmen die Erinnerung an sie los und lenke meine Aufmerksamkeit wieder auf das Notizbuch.

 

 

Auf der vorletzten Seite ist ebenfalls eine Aufzählung, sauber mit rotem Filzstift geschrieben, stehen da sechs Namen, jetzt sind es sieben.

- Marc

- Robert

- Herr Lutz (Mathelehrer)

- Hanna

- Monika

- Jessica

- Timo.

 

Diese besondere Seite trägt die schwarz unterstrichene, dicke Überschrift: Todesliste. Nach kurzem Überlegen setze ich noch drei weitere Personen auf die Liste: Papa, Mama und mich selbst. Jetzt sind es 10, das ist eine schöne, runde Zahl. Als ich angefangen habe die Liste zu führen, habe ich mir vorgenommen, es bereits bei 5 zu tun, es sei denn es gleicht sich mit der anderen aus. Jetzt sind es zehn, wow. Jeder einzelne Name ruft in mir abgrundtiefen Hass hervor.

Jeder von ihnen hat mir auf seine Art das Leben zur Hölle gemacht, mich gequält, gedemütigt und mir das Gefühl gegeben vollkommen falsch und wertlos zu sein. Vor ein paar Wochen haben sie in der Klasse eine Strichliste herumgereicht, in der sie für meinen Selbstmord gestimmt haben. Allein der Gedanke daran macht mich unfassbar wütend und traurig zugleich. Ihr sagt ich würde euch einen Gefallen damit tun, wenn ich tot wäre, einfach nur weil ich nicht dazugehöre? Weil ich anders bin, weil ich von euch als falsch angesehen werde, soll ich mich umbringen? Wie viele Stimmen dafür sind weiß ich, aber wo sind die Stimmen, die dagegen sind, die wollen, dass ich weiterlebe? Es gab keine einzige Person, die sich dazu geäußert hat, dass auch mein Leben wertvoll ist, es gab nur Enthaltungen. Meine Lehrer haben sich einen Dreck darum geschert wie ich behandelt wurde, eher im Gegenteil, hat mein Mathelehrer keine Möglichkeit ausgelassen mir zu zeigen, dass ich zu dumm bin als dass jemals etwas aus mir werden würde. Tag für Tag haben sie die Schikanen miterlebt und niemand hat es für nötig empfunden sich für mich einzusetzen oder auch nur meine Eltern zu kontaktieren. Aber was hätte es auch genützt mit meinen Eltern zu sprechen? Mein Vater hat sich nie für mich interessiert und jetzt wo er weiß was ich durchmache, hat er sich dazu entschlossen, uns ohne ein Wort des Abschieds zu verlassen. Meine Mutter ist zu beschäftigt mit ihren eigenen Problemen, sie hat es doch selbst gesagt, für Kinderstreiche hat sie gerade keinen Nerv übrig. Die letzte Person, die zumindest noch so getan hat, als würde sie mir zuhören, hat mich mit meinen Problemen allein gelassen. Warum schreibe ich mich selbst auf die Liste? Hätte ich nicht über meinen Scheiß geredet, hätten sich meine Eltern nicht gestritten und Papa wäre nicht gegangen. Ich bin schuld an der Scheidung meiner Eltern und ich bin schuld daran, dass meine Mutter jetzt so unglücklich ist. Hätten sie ein anderes Kind, wäre ich anders, wären sie vielleicht noch glücklich verheiratet. Hoffentlich kann ich auch ihnen damit einen Gefallen tun.

 

In einer kleinen Holzkiste liegt schon seit längerer Zeit ein Cuttermesser versteckt. Das Messer und einen kleinen Zettel habe ich bereits vor Monaten vorbereitet, ich habe nur auf den Augenblick gewartet, in dem der letzte Funke Hoffnung auf Liebe und Akzeptanz stirbt. Ich ziehe mein T-Shirt aus und lege es zusammen mit einem Handtuch aufs Bett. Vor mir liegt das Notizbuch und ich setze das Messer an meinem Oberarm an. Es kostet mich Überwindung, aber ich weiß, dass es sich lohnt, also ziehe ich die Klinge mit einem Rutsch durch die Haut. Ich beiße die Zähne zusammen und schneide mir ein Stück tiefer das zweite Mal in den Arm. Dann ein drittes Mal, dann ein viertes und so weiter. Das Blut läuft senkrecht über meinen ganzen Arm und tropft an der zur Faust geballten Hand runter. Das Handtuch ist bereits getränkt und mir wird schwindelig bei dem Anblick. Jetzt bin ich schon überm Ellenbogen angekommen. Ich konzentriere mich auf die Namen in der Liste und setze an für den siebten Schnitt. Der achte fällt mir besonders schwer, ich weine und sage laut zu mir selbst: „Es tut mir so leid Papa, dass ich nicht der Sohn sein kann, den du wolltest.“ Meine Augen sind von den Tränen schon ganz geschwollen und ich bekomme kaum einen Ton mehr raus. Ich mobilisiere meine letzten Kräfte und schreie krächzend: „Mama, bitte verzeih mir den Schmerz, den ich dir angetan habe. Ich hoffe für dich und Papa wendet sich noch alles zum Guten. Ohne mich könnt ihr endlich glücklich werden.“ So wie ich den Satz ausgesprochen habe, verlässt mich meine Kraft und ich sinke auf die Knie. Das Blut bildet bereits eine Lache auf dem Boden, aber es fehlt noch der letzte Schnitt, der letzte Schritt zu meiner Erlösung. Ich denke daran, dass sie sich bei meiner Beerdigung alle zusammensetzen werden und sie werden an mich denken und weinen und mich vermissen. Dieser Gedanke beflügelt mich und zaubert mir ein letztes Lächeln auf die Lippen, bevor ich das Messer ansetze, durch meine Pulsadern ziehe und lautlos zu Boden sinke.

 

Der Zettel liegt nochimmer in der Holzkiste. Darauf steht geschrieben: „If you’re alone and fall, it doesn’t make a sound.“